Kommentar: Albert Fortells Ansichten zum Holocaust

21. Dezember 2004, 13:57
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Der Schauspieler hat - zu Recht - Notstandshilfe bezogen. Dies scheint mit seinen rechten Ansichten in einem gewissen Widerspruch zu stehen

Der Schauspieler Albert Fortell hat - zu Recht - Notstandshilfe bezogen. Da dies mit seinen ziemlich rechten Ansichten in einem gewissen Widerspruch zu stehen scheint, hat das einige hämische Kommentare hervorgerufen. Fortell macht geltend, es sei ihm weniger um das Geld, sondern um die anrechenbaren Versicherungszeiten gegangen.

Das ist ein Argument, auch wenn man sich fragt, warum Fortell nicht wie zehn- oder hunderttausend andere Freiberufler sein Einkommen als Selbstständiger versteuert bzw. Sozialversicherung bezahlt. Fortell ist aber auch politisch tätig, nämlich als Vertreter der ÖVP im ORF-Stiftungsrat.

"Holocaust: Vergleich mit Stalinismus"

In diesem Zusammenhang werde ich nun aufmerksam gemacht, auf einen Gastkommentar, den er im April 2004 in der Presse veröffentlichte und der unter dem Titel: "Holocaust: Vergleich mit Stalinismus" erschien. Darin fragte Fortell, warum man nicht die beiden Menschheitsverbrechen miteinander vergleichen könne. Es gebe "einflussreiche Kreise" (sieht stark nach antisemitischem Code aus - Anm. d. Autors), die uns das verbieten wollten. Fortell erregt sich darüber, warum es "im Westen" keine ähnlich eindrucksvolle Gedenkstätten für die 60 Millionen Toten der Stalin-Zeit wie für den Holocaust gäbe.

Weil die Verbrechen des Kommunismus erst seit 15 Jahren in den exkommunistischen Ländern zugegeben werden, ist eine Antwort; und weil "im Westen" keine kommunistischen Massenmorde stattfanden, sondern nur nationalsozialistische. Im Übrigen scheint Fortell bei den "60 Millionen Toten der Stalin-Zeit" auch die Kriegsopfer der Sowjetunion (27 Millionen) hinzuzuzählen.

Massenverbrechen

Die Massenverbrechen des Kommunismus fanden überdies in einer ungleich längeren Zeitspanne und in einem weit größeren geografischen Raum (von 1917 in Russland bis 1979 in Kambodscha) statt. In nur vier Jahren von 1941 bis Kriegsende ermordete der Nationalsozialismus rund sechs Millionen europäische Juden, zwei Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas (und weit über 20 Millionen nicht jüdische Zivilisten, davon 80-90 Prozent in der Sowjetunion allein). Der Nationalsozialismus habe eben den "Rassenfeind" ausrotten wollen, der Kommunismus den "Klassenfeind" lautet ein beliebtes Argument. Die Morde seien einander daher wesensgleich. Doch das hält der historischen Untersuchung nicht stand. In Wahrheit richtete sich der Terror unter Stalin gegen jedermann. Keine gesellschaftliche Gruppe, kein Individuum war sicher: Buchstäblich jeder konnte im Frieden wie im Krieg ein "Feind des Volkes" werden.

Der Nationalsozialismus hingegen richtete seine gesamte Vernichtungsenergie auf bestimmte Gruppen. Einerseits in Unterwerfung, Versklavung und auch Dezimierung "minderwertiger" Völker. Total ausgelöscht werden, bis zum letzten Mann, Frau und Kind, sollten die Juden sowie Roma und Sinti. Das war schon innerhalb der verbrecherischen Wut des NS-Regimes singulär und ist es im geschichtlichen Weltmaßstab umso mehr.

Stalin wollte alle "säubern"; Hitler wollte die Juden "vom Antlitz der Erde verschwinden lassen". Für einen Schauspieler in B- Serien muss dieser Unterschied nicht einsichtig sein. Aber für das Mitglied eines Kontrollorgans des ORF mit seinem Bildungsauftrag sehr wohl. Im Übrigen sind diese Vergleiche Holocaust - Stalinismus nichts anderes als der Versuch, die Verantwortung für die eigene Vergangenheit wegzuschieben. Auch das ist mit Fortells Position im ORF nicht vereinbar. (Hans Rauscher, DER STANDARD Printausgabe 18/19.12.2004)

Kommentar von Hans Rauscher
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