Betonsteinerner Hain

18. Dezember 2004, 12:00
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Kein Denkmal, sondern ein Ort, der jeden auf sich selbst zurückwirft: Peter Eisenmans Mahnmal in Berlin

Die völlig naive, nachgerade dumme Frage, ob man sich in diesem riesigen, verwirrenden "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin nicht allzu verloren fühlen könne, beantwortet der amerikanische Architekt Peter Eisenman, 72, nach einem Moment nachsichtiger Stille mit einer Geschichte. Eine ältere Frau hatte sie ihm erzählt:

Ein fünfjähriges Mädchen wird mit seiner Mutter in einen Zug gesteckt und nach Auschwitz deportiert. Der Zug hält. Die Insassen steigen aus. Gleich auf dem Bahnsteig bricht die Hölle los, wird die Mutter von KZ-Wärtern in die eine Richtung gezerrt, das Mädchen in die andere. Verwirrung, turmhohe fremde Menschen rundherum, das Mädchen kann die Stimme seiner Mutter zwar noch von irgendwo hören, aber es sieht sie nicht mehr. Es wird sie nie wieder sehen.

Dieser Moment des Verlorenseins, Alleinseins in einer Menschenmasse, die Verwirrung und Verzweiflung - dieser Moment wird nie vergehen, wird nie Vergangenheit sein, wird immer da sein für die Frau, die einmal dieses Mädchen war.

Berlin und die dazugehörige Nation Deutschland wird über sechs Jahrzehnte später, am 10. Mai kommenden Jahres, das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" der Öffentlichkeit übergeben. "Einweihung" oder "Eröffnung" wären für diesen anderen Moment in der deutschen Geschichte die wohl falschen Begriffe, so wie auch "Mahnmal" oder "Denkmal" angesichts dieses Ortes irgendwie unpassend erscheinen.

Überhaupt: Alles Offizielle, Feierliche, Zeremonielle, Kollektive passt nicht hierher in diese eigenartige Szenerie, die Peter Eisenman entworfen und in den vergangenen Jahren umrahmt von vielen Debatten, anfangs lauten und mit Fortschreiten der Arbeit immer leiser werdenden Misstönen aufgebaut hat. Jetzt, da das Denkmal fast fertig ist, hat es kaum noch Gegner, dafür ist die Neugier darauf enorm. Auf dem kleinen Aussichtplateau am Rande der Szenerie drängen sich täglich zu jeder Uhrzeit die Menschen - Berliner wie Touristen.

Im Mai, wenn man das Gelände dann erstmals offiziell betreten darf, werden zwar viele mehr oder weniger gescheite Reden geschwungen und wichtige Menschen gesehen werden. Es wird auf die schwierige und langwierige Genese des Projektes verwiesen und auf die allgemeine gegenseitige Befriedung angestoßen werden. Doch egal, wie viele Leute auch anwesend sein werden, um das Resultat dieses enormen kollektiven, höchst politischen und sehr spät doch noch gemeisterten Kraftaktes zu würdigen - im Gewirr der Stelen werden alle irgendwie verloren gehen, jeder wird für sich allein sein, und jeder wird mit diesem Gefühl für sich umgehen müssen. Ganz allein.

Das ist die wichtigste Leistung dieses Ortes mitten im Zentrum der großen und an guter Architektur so reichen Stadt Berlin: Er wirft diejenigen, die ihn betreten, die sich in die Tiefen dieses Betonstelengewirrs wagen, gnadenlos auf sich selbst zurück.

Hier wird nichts Konkretes betrachtet oder Dargestelltes studiert. Hier sind keine Inschriften zu finden. Hier wird nicht in Bildern serviert, wie schrecklich damals war, was nie wieder passieren darf.

Man versinkt vielmehr in einem Meer von 2751 scharfkantigen Betonstelen, die in sanften Wellen ihre Höhe ändern, sodass der Himmel manchmal greifbar, manchmal unendlich weit entfernt scheint. Die Wege zwischen den Stelen entwickeln sich von sanften Pfaden rasch zu tiefen Schluchten, sie folgen strengen rechtwinkeligen Geometrien, doch ganz zarte Schrägstellungen und Kippungen der Stelen sorgen für verwirrende, verunsichernde Effekte, die vor allem bei scharfem Sonnenschein für das entsprechend irritierende Licht-Schatten-Spiel sorgen. Denn vor allem die Schlagschatten, die die Stelen einander quasi stumm zuwerfen, überhöhen und verzerren die leichten Schrägen der Betonklötze zu einem surrealen Licht-Schatten-Grau-Geflirre.

Drei Fußballfelder groß ist das Stelenfeld, es ist gleich neben dem Brandenburger Tor und dem Reichstag gelegen und nur ein paar Blöcke entfernt von den sich allmonatlich verschlimmernden Architekturgräueln des Potsdamer Platzes, den man getrost als einen der unmenschlichsten und hässlichsten Orte des gesamten Erdenrundes bezeichnen kann. Doch sobald man Eisenmans betonsteinernen Hain betritt, wirkt der Verkehrslärm gedämpft. Und ist man einmal mittendrin, so hört man die Stadt nur noch leise von ferne murmeln, der Takt der eigenen Schritte und der Widerhall geben jetzt den Ton an.

Vergangenen Mittwoch wurde unter regem medialen Interesse nun die letzte der insgesamt 2751 Betonstelen versetzt. (DER STANDARD hat berichtet.) An den Betonpflasterungen der inneren Wege wird noch gearbeitet, auch an den reduzierten, im Boden versenkten Leuchten und an dem Gedenkzentrum, das unter dem Areal liegt.

Das Betreten der Noch-Baustelle war aus diesem Grund strikt verboten, selbst Peter Eisenman musste verhandlerisches Geschick an den Tag legen, um zwei Medienvertreter - unter anderem den STANDARD - in das betonene Meer schmuggeln zu können. Alle, inklusive Eisenman, gingen schon nach wenigen Schritten verloren, erst nach vielen Viertelstunden und nach Wiedererreichen der Ufer fand man einander wieder.

Wer den inneren Weg durch diese vielen Pfade und Schneisen aufsuchen will, braucht vor allem Zeit. Erst nach einer Weile beginnen der Rhythmus, das Spiel mit unterschiedlichen Höhen und Grauschattierungen und die akustischen Effekte zu wirken.

Ob er sich nicht vor Vandalismus und Sprayern fürchte? Eisenman verneint und meint, das Denkmal sei für sich stark genug, es müsse dergleichen wohl aushalten können. Es würde ihn auch nicht stören, wenn Skater die gewellten Pfade auf ihren Boards für sich entdecken sollten. Wie Berlin mit dergleichen Aktivitäten umgehen will, wird sich weisen. Die Stelen sind jedenfalls sicherheitshalber mit farbabweisenden Substanzen ausgestattet.

In der Eisenman-Ausstellung "Barfuß auf weiß glühenden Mauern" - derzeit zu sehen im MAK-Wien und gekonnt kuratiert von Tulag Beyerle - kann man übrigens einen Mikro-Ausschnitt des Berliner Denkmals betreten und den Hauch eines Eindrucks davon gewinnen. Doch nur einen Hauch. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von
Ute Woltron

architektur
@derStandard.at


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    Wer den inneren Pfad finden will, braucht vor allem Zeit. Erst nach einer Weile entfalten der Rhythmus der Beton- stelen und die flirrenden Licht-Schatten-Spiele ihre Wirkung.

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