Geistesblitz: Vermenschlichte Geschichte

23. Dezember 2004, 21:02
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Hohe Auszeichnung für Sozialhistoriker Michael Mitterauer

Michael Mitterauer hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Wer mit ihm spricht, nimmt etwas mit. "Mein Anliegen war immer, Interesse zu wecken", beschreibt der Mediävist die Kraft, die ihn in seinem Fach antreibt. Sein Wunsch geht auf: Mit behutsam gewählten Worten begeistert er seine Zuhörer. Sozialgeschichte "hat immer mit menschlichen Beziehungen zu tun und daher auch mit einem Sich-um-die-Menschen-Annehmen", fasst der Professor Emeritus für Sozialgeschichte an der Universität Wien sein Lebenswerk zusammen.

Etwa an der Freien Universität Ottakring. Bei dieser Initiative an der Volkshochschule des 16. Wiener Gemeindebezirks experimentierte eine Gruppe von Wissenschaftern mit neuen Wegen der Erwachsenenbildung. Dazu gehörten lebensgeschichtliche Erzählkreise, bei denen alte Menschen aus ihrem Leben berichteten oder schrieben. Aus solchen Zeugnissen der populären Autobiografik ging die "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte hervor, die heute etwa 2400 Texte umfasst. Der Grundgedanke lautete: Nicht nur die großen, sondern auch die kleinen Leute haben Geschichte. "Es ist wichtig, den Menschen zu sagen: Eure Lebensgeschichte ist wichtig", betont Mitterauer. Nicht nur können Generationen danach - "selbst jene unter ihnen, die sich nicht für Geschichte interessieren" - von diesem privaten Wissen profitieren, sondern es stelle auch "persönliche Bewältigungsarbeit" für die Erzählenden dar. An seinem Institut sei es ihm "immer um einen Stil des Zusammenarbeitens über weltanschauliche Grenzen hinaus" gegangen. Und um den interkulturellen Zugang.

In seinem jüngsten Buch "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs" untersucht der studierte Wirtschaftshistoriker die bis ins Frühmittelalter zurückführenden Besonderheiten Europas im Vergleich mit der islamischen Welt und China. Dabei arbeitet er die Erfolgsgeschichte Europas anhand von Ackerbau, Herrschaftsordnungen, Religion, Kommunikationsformen, Familien- und Verwandtschaftssystemen aus. Für Europa bedeute die frühmittelalterliche Agrarwende hin zu Roggen und Hafer eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage seines Aufstiegs. Ein gut entwickeltes Mühlenwesen sei eine wichtige Basis für die Industrialisierung gewesen.

Der Wiener Professor Emeritus erhielt für sein Lebenswerk - und für das oben beschriebene Buch - vor wenigen Wochen als erster Österreicher den renommierten Preis des Historischen Kollegs München. "Als ich im Mai nach einem Gastvortrag in Berlin die Angelobung von Bundespräsident Horst Köhler im Fernsehen mitverfolgte, hätte ich nie gedacht, dass mir dieser wenige Monate später einen Preis überreichen würde", erinnert er sich. Auf diesen Moment ist er stolz - und das zu Recht. "Es ist ein ganz ein eigenes Gefühl, wenn man ein Jahr nach seiner Emeritierung solch eine internationale Anerkennung erhält", sinniert er. Zur Preisverleihung erschien seine gesamte Familie, und: "Als mein neunjähriger Enkel Vivian für ein Foto von der Preisverleihung für die Pressefotografen zu spät kam, vollzog der Bundespräsident sie für ihn kurzerhand noch einmal." (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 12. 2004)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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