Sanierende Sterbehilfe

19. Dezember 2004, 18:32
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Es hat sich gezeigt, dass Ärzte gar nicht so selten auf Wunsch der Verwandtschaft und nicht auf Wunsch des Patienten ein Leben beenden

Ein großer Schritt in eine liberale Welt schien getan, als die niederländische Regierung die aktive Sterbehilfe erlaubte. Jetzt, rund eineinhalb Jahre später, versuchen die Verantwortlichen, die vermeintlich große Hilfe für ein würdiges Sterben der unheilbar Kranken mit besserer Kontrolle in den Griff zu bekommen. Nicht die Betroffenen sind das Hauptproblem, sondern die aktiven Helfer, die Ärzte. Es hat sich nämlich gezeigt, dass diese gar nicht so selten auf Wunsch der Verwandtschaft und nicht (wie es das Gesetz ausdrücklich vorschreibt) auf Wunsch des Patienten ein Leben beenden.

Euthanasie für Neugeborene

Mitten in die Diskussion darüber platzte die Forderung von Ärzten aller acht niederländischen Universitätskliniken, die Euthanasie auf Neugeborene mit "schwersten Missbildungen" auszuweiten. Und nun empfahl noch eine Regierungskommission, auch "Lebensüberdrüssigen" legal aktive Sterbehilfe zu ermöglichen. Die Stellungnahme von Psychiatern, wie "unzweifelhaft" (so verlangt es das Euthanasiegesetz) der Todeswunsch eines Lebensmüden ist, steht noch aus.

Säuberungsgeruch

Jedenfalls bekommt diese Sterbehilfepraxis einen üblen Säuberungsgeruch: Ohne "Dahinsiechende" und "Depressive" wäre das Sozialsystem finanziell deutlich saniert. Niederländische Euthanasiegegner haben es schon schärfer formuliert: Sie wollten nicht, dass "die Lebenserwartung der Menschen künftig von Versicherungsmathematikern bestimmt wird".

Man muss sich nicht auf die Religion berufen, um in dieser Entwicklung eine schwere Schädigung ethischer Grundsätze zu sehen. Eine Gesellschaft, die ständig - bisweilen kuriose - "politisch korrekte" Ausdrücke erfindet, um Menschenwürde zu schützen, ist wenig überzeugend, wenn sie verzweifelte Menschen lieber zum Sterben schickt, als sie dorthin zu begleiten. (Klaus-Peter Schmidt, DER STANDARD Printausgabe 18/19.12.2004)

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