Sterbehilfe für Lebensmüde empfohlen

19. Dezember 2004, 18:32
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Expertenteam empfiehlt die in den Niederlanden erlaubte aktive Sterbehilfe auszuweiten - mit Kommentar

Amsterdam - In Ausnahmefällen sollte in den Niederlanden auch Lebensmüdigkeit als Grund für Sterbehilfe akzeptiert werden können. Das empfiehlt laut niederländischen Presseberichten eine Regierungskommission in einer Studie zum Euthanasiegesetz. Dieses Gesetz müsse dafür nicht geändert werden. Die darin enthaltene Voraussetzung, dass Patienten nur im Fall "unerträglichen Leidens" um Sterbehilfe ersuchen könnten, treffe auch auf Lebensmüdigkeit zu, meinen die Experten.

"Aussichtslos krank"

Die Justiz der Niederlande legt derzeit fest, dass Lebensmüdigkeit kein Grund für aktive Sterbehilfe sein könne. Infrage kämen nur medizinisch nachweisbare körperliche oder geistige Leiden.

Sterbehilfe ist in den Niederlanden seit April 2002 unter Auflagen erlaubt: wenn ein Patient unerträglich leidet, aussichtslos krank ist und mehrfach ausdrücklich darum gebeten hat. Von einem zweiten Arzt muss eine übereinstimmende Entscheidung vorliegen. Die Staatsanwaltschaft wird nur bei Zweifeln an der ärztlichen Entscheidung angerufen. Sollte sich herausstellen, dass der Arzt gegen die Regeln verstoßen hat, drohen ihm bis zu zwölf Jahre Haft.

Zögerliche Justiz

Die Praxis verläuft aber anders: Der Spiegel zitierte im Juli in einer Reportage die Studie der niederländischen Regierung, derzufolge Ärzte Patienten in 38 Prozent der Euthanasiefälle auch deshalb töten, weil die Angehörigen die Belastungen durch den Kranken "nicht mehr ertragen können".

Wie aus derselben Studie hervorgeht, wird auch strafrechtliche Verfolgung von Ärzten, die dem Sterbehilfegesetz zuwider gehandelt haben, kaum betrieben: Zwar kann es zur Anzeige kommen, aber die Justiz hat seit der Einführung des Gesetzes noch in keinem Fall Anklage erhoben. Euthanasiegegner wundert dies nicht: Das Hauptbeweismittel wäre ein gutachterlicher Bericht zur Sache, den der Beklagte selbst schreibt. Die Regierung will nun die Kontrolle und die Sanktionen verschärfen. (APA, kps, DER STANDARD Printausgabe 18/19.12.2004)

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