Politische Linke: "Wir brauchen mehr animalischen Instinkt!"

22. Dezember 2004, 11:39
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Fausto Bertinotti über die italienische Linke, "Peronismus für Reiche" und die Zukunft des Kommunismus

Wien - "Wir sind zu aristokratisch, zu aufgeklärt. Das ist eine der gravierendsten Schwächen der italienischen Linken", also sprach Fausto Bertinotti, Chef der italienischen "Rifondazione Communista", Freitag in Wien. "Wir sagen, Silvio Berlusconi sei vulgär. Und der gewinnt die Wahlen. Die italienische Rechte hat schon lange verstanden, dass gute Manieren im politischen Wettbewerb bloß hinderlich sind. Wir brauchen mehr animalischen Instinkt!" Auch Romano Prodi? Bertinotti: "Sagen wir so: Der muss einfach ein bisschen lebhafter sein."

Nach dem Geschmack Bertinottis, der in Wien auf Einladung der KPÖ vor dem Gewerkschaftsbund über den "Kommunismus im 21. Jahrhundert und die Linke" referierte, muss nicht nur die italienische Politik radikaler werden. "Es nützt nichts, dass wir wie die Eismänner in der Mitte fahren und links und rechts der Straße verkaufen. In der Mitte - das hat sich unlängst auch in den USA gezeigt - werden die Wahlen verloren, nicht gewonnen." Linke Parteien und allemal das italienische Oppositions-Bündnis müssten viel mehr auf die Menschen setzen, die inzwischen außerhalb des Spektrums politischer Parteien in die "Antipolitik" gefallen seien. "Dort gewinnt man, mit radikalen Programmen."

Gegen, aber für Prodi

Wie die denn aussehen könnten, erläuterte Bertinotti nicht näher: "Das ist ein Prozess, den dürfen nicht nur Parteien und ihre Führer entscheiden. Wir müssen auch die Menschen in den sozialen Bewegungen einbinden." Bis zu den nächsten Wahlen gegen Berlusconi sei noch Zeit, der wahrscheinliche Spitzenkandidat des Linksbündnisses Romano Prodi sei gut beraten, das zu tun. Er selbst werde in der Wahl für den Spitzenkandidaten gegen Prodi antreten - "aber nur, damit nicht nur einer zur Auswahl steht".

Seine "wiedergegründeten Kommunisten", so Bertinotti, träten jedenfalls für Frieden, gegen die europäische Verfassung ("das ist zu wenig Europa") und für die Änderung der Produktionsstruktur Italiens auf - "im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich leiden wir sehr unter der chinesischen Konkurrenz". Und natürlich gegen den "Peronismus für Reiche", den der Mailänder Patron im Amt des italienischen Premiers betreibe.

Den Kommunismus indes sieht Bertinotti nicht diskreditiert: "Die Staatsexperimente im Osten sind schief gegangen. Sicher. Aber ich frage Sie: Was hat denn Europa im 19. Jahrhundert zivilisiert? Woher haben all die Theoretiker von der Frankfurter Schule bis zu den Globalisierungskritiker ihre Argumente?" Der italienische Kommunismus habe seine beste Zeit noch lange nicht erlebt. Auch deswegen nicht nicht, weil der rabiate Antikommunismus Silvio Berlusconis "seinen Grund nicht im Kopf, sondern in der Geldbörse hat".

Von Christoph Prantner
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    Fauso Bertinotti, Chef der italienischen "Rifondazione Communista".

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