EU-Beitritt könnte Interesse der Investoren beflügeln

8. Februar 2005, 13:32
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Die Türkei zählt zu den 20 wichtigsten Handelspartnern Österreichs, Direkt­investitionen liegen aber noch relativ brach

Wien - Die EU-Beitrittsperspektive der Türkei dürfte vor allem das Interesse der internationalen Investoren an dem 70-Millionen-Einwohner-Land wecken. "Da haben wir noch enormen Aufholbedarf", sagte der österreichische Handelsdelegierte in Ankara, Richard Bandera, am Freitag im Gespräch mit dem STANDARD.

Während die Türkei bereits zwanzigwichtigster Handelspartner Österreichs ist, mit enormen Zuwachsraten in den Import-Export-Beziehungen, dümpelt das Interesse bei Direktinvestitionen bisher vor sich hin. Bandera: "Wir halten bei 35 österreichischen Firmen in der Türkei. Verglichen mit den 20.000 österreichischen Firmen in Osteuropa ist das bei einer ungefähr vergleichbaren Bevölkerungszahl lächerlich wenig."

23 Prozent Zuwachs

Handelsseitig erwartet Bandera wegen der seit 1995 bestehenden Zollunion zwischen der EU und der Türkei "keinen zusätzlichen sprunghaften Anstieg" der Handelsvolumina nach einem möglichen EU-Beitritt der Türkei.

Österreichs Exportvolumen habe sich ohnehin in den ersten neun Monaten 2004 neuerlich um 23 Prozent gegenüber 2003 gesteigert. Das gesamte Exportvolumen mit Produkten wie Maschinen, Produktionsanlagen, Transformatoren, aber auch Papier liege heuer bei rund 780 Mio. Euro. Österreich hat seinen Handelsbilanzüberschuss mit der Türkei verzehnfacht.

Die Wirtschaftskrise der Jahre 2001 und 2002 ist ausgestanden. Mittlerweile weist die Türkei eine Wirtschaftswachstumsrate von zehn Prozent auf, die Inflationsrate von seinerzeit 70 bis 80 Prozent hat sich auf fünf bis acht Prozent stabilisiert.

Diskussionen über Euro-Beitritt

In der EU wird im Gegenteil bereits über das absehbare Erreichen der Maastricht-Kriterien durch die Türkei und damit über einen eventuellen Eurobeitritt des Landes diskutiert. Vor allem die Einigung über ein neues Drei-Jahres-Programm zwischen der Türkei und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bedeute für die türkische Wirtschaft einen weiteren Schritt in Richtung Konsolidierung, sagt Simon Quijano-Evans, Türkei-Spezialist der Bank Austria Creditanstalt. "Die Türkei dürfte die Maastricht-Kriterien bezüglich der Staatsverschuldung und des Budgetdefizits innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre erreichen", so Quijano-Evans.

Die generelle Frage, ob die Türkei Armenhaus oder Tigerstaat sei, ob auf Jahre alle EU-Förderungen abgeschöpft würden, oder nicht vielmehr der EU zu mehr Wirtschaftswachstum verhelfe, beantwortet Bandera mit dem Verweis auf das enorme West-Ost-Gefälle. "Hier ist die Türkei sicher schizophren. Das Land hat einen sehr wohlhabenden Nordwesten und Westen. Die Region um Istanbul entwickelt sich zum Powerhouse Kleinasiens." Gleichzeitig entwickle sich im Osten der Türkei, auch bedingt durch den Irakkrieg, die Kurdenproblematik und die Probleme mit dem Iran, "bis auf die Energielieferungen und geschmuggelten Benzin noch wenig", so der Handelsdelegierte.

Jedenfalls stimmten die alten Bilder, von der Türkei als reinem Textilexporteur schon lange nicht mehr. So kämen etwa die meisten Fernseher in der EU aus der Türkei, aber auch bestimmte Automodelle von Renault, Toyota oder Fiat. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.12.2004)

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    Die Türkei weist mittlerweile ein Wirtschaftswachstum von zehn Prozent auf.

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