Die Wahrheit liegt dazwischen

23. Dezember 2004, 19:36
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Peter Carey legt mit "Mein Leben als Fälschung" ein großartiges literarisches Vexierspiel vor

Das Genre der literarischen Fälschung und Täuschung ist so alt wie der Literaturbetrieb selbst. Deshalb konnte der zweifache australische Booker-Preisträger Peter Carey (Illywhacker, Oscar und Lucinda, Die Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang . . .) als Vorlage für seinen neuesten Roman auch auf einen veritablen Kunstskandal aus dem Australien des Jahres 1944 zurückgreifen. Damals veröffentlichte die angesehene Literaturzeitschrift Angry Pinguins in Adelaide die posthum als sensationelle Neuentdeckung gefeierten Gedichte eines gewissen Ern Malley. Bei diesem handelte es sich, so die Fama, um ein autodidaktisches Genie aus der Arbeiterklasse, einen Automechaniker, der später Versicherungsvertreter wurde, heimlich und natürlich unbedankt dichtete und im Alter von nur 25 Jahren selbstverständlich vor seiner Zeit, also viel zu früh starb.

Der Schwindel kam allerdings recht bald ans Licht. Zwei Literaturwissenschaftler hatten die Gedichte als Parodie auf "modernistische Tendenzen" in der Lyrik verfasst und wollten dem Herausgeber der Zeitschrift eins auswischen. Dieser musste sich dennoch vor Gericht wegen angeblich obszöner Inhalte der Gedichte verantworten. Und er wurde dafür von der australischen Presse auch noch genüsslich verhöhnt.

Peter Carey nimmt dies als Ausgangspunkt für eine rasante Achterbahnfahrt zwischen Großbritannien, Australien, dem Dschungel Borneos und dem malaysischen Kuala Lumpur. Dort stößt Sarah Elizabeth Jane Wode-Douglass, eine nicht nur trotz junger Jahre schon etwas gouvernantenhaft wirkende, sondern auch so und dann dementsprechend hölzern-schwülstig erzählende Herausgeberin einer kleinen Londoner Literaturzeitschrift, in Begleitung des unter anderem auch an Lebensjahren schon erheblich abgelebten britischen Lyrikstars John Slater auf den verlumpten Fahrradmechaniker Christopher Chubb. 30 Jahre zuvor hatte dieser als Bob McCorkle exakt jenen literarischen Schwindel gegenüber einem verfeindeten australischen Herausgeber vorgelegt, der Peter Carey als Ausgangspunkt dient.

Allerdings drückt Carey während eines ständigen Wechsels der Erzählperspektiven und Zeitstränge dann doch erheblich das Gaspedal. Wie Chubb in langen, nächtlichen Gesprächen unserer Protagonistin nach Vorlage eines Gedichts des ominösen Bob McCorkle bald offenbaren wird, geht es hier nicht nur in Folge um mysteriöse Selbstmorde und Todesfälle - und das traurige Schicksal eines Schwindlers, der sehr schnell selbst zum Betrogenen wird. Immerhin taucht in der Geschichte dann auch ein Mann auf, der behauptet, der leibhaftige Bob McCorkle zu sein - was dessen Erfinder schier in den Wahnsinn treibt. Peter Carey verhandelt hier trotz der im Verlauf der Geschichte immer vordringlicher werdenden Gefahr, sich bei schwülen Temperaturen zunehmend in Schwulst und hitzebedingter geographischer Unübersichtlichkeit zu verlieren, auch eines: Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Realität geraten in diesem Reigen zunehmend zu einem unerheblichen Widerspruch, in dem es keine Lösung - und schon gar keine Erlösung gibt.

Das mag sich zwar in von tropischen Niederschlägen betrommelten Dialogen mitunter etwas gar dick aufgetragen lesen. Gerade auch weil das Phantom/der Golem Bob McCorkle mitunter vorgestellt und beschrieben wird, als gelte es hier, das Frankenstein'sche Monster zu einem neuen Leben als sensibel-rabiater Dichter im Stile eines Charles Bukowski für die sensibel-selbstgenügsamen Literaturzeitschriften in einer über unreine Verse verbundenen Kirche der letzten Tage zu deuten. Peter Carey und mit ihm auch die stilistisch altmädchenhaft-kongenial ins Deutsche übersetzende Regina Rawlinson kriegen allerdings am schmalen Grad von literarischem Trauerspiel, sujet-bedingter Farce und Meisterprüfung im Fach Schwulst und tropisch überladenem Kitsch immer noch gerade die Kurve zu tatsächlich begeisterndem Handwerk mit der Betonung auf Kunst.

Carey selbst wollte laut Interviews nichts zum Thema Lüge und Wahrheit beitragen. Schon gar nicht wollte er Antworten auf seine hier während knapp 300 Seiten gestellten Fragen finden. Deshalb liest sich Mein Leben als Fälschung bis zuletzt auch nicht als Anleitung, wie man mit dem Schwindel namens Leben umgehen soll. Hier geht es vielmehr um Fragen, die uns alle ständig betreffen, ohne dass wir es wissen wollen. Einer sagt etwas. Darauf folgt Widerrede. Die Wahrheit, sie liegt dazwischen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von
Von Christian Schachinger

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    Peter Carey:
    Mein Leben als Fälschung
    Aus dem Englischen von Regina Rawlinson, € 19,90/286 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004.

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