John Steinbeck: "Tortilla Flat"

17. Dezember 2004, 19:43
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Das Schönste an diesem launig-lässigen Buch über die Heldentaten kalifornischer Fußlappenträger ist sein ironischer und lakonischer Ton

John Steinbeck, Nobelpreisträger von 1962, band in seinem ersten großen literarischen Erfolg von 1935 einen Strauß von Geschichten zusammen, so locker wie möglich und so fest wie nötig, damit daraus ein Erzählzusammenhang würde, den er Roman nennen konnte.

Das Schönste an diesem launig-lässigen Buch über die Heldentaten kalifornischer Fußlappenträger der Geschichte, also Landstreicher, Kleinkriminelle, Habe- und Taugenichtse, ist sein Ton. Ironie und Lakonik, auch ein wenig Nostalgie bestimmen den Duktus und veredeln gleichsam die "Aventiuren" all dieser Tunichtgute, die gleichwohl bei ihren Streichen voller moralischer Rechtfertigungen und ausgeklügelter Legitimationen für ihr Leben und Streben, Sinnen und Trachten sind.

Unter diesen Gesellen von durchweg trauriger Gestalt ragt eigentlich niemand hervor, denn auch Danny, die vermeintliche Hauptfigur, trägt seiner Wichtigkeit vor allem deswegen Rechnung, weil er jenes wundersame Erbe antritt, das es Steinbeck ermöglicht, seine Bagage zusammenzuführen. Danny ist ein Paisano, wie er im Buche steht: "Eine Mischung aus spanischem, indianischem, mexikanischem und erlesenem kaukasischen Blut."

Danny erbt zwei Holzhäuser und ist plötzlich wer, ein Mann mit Besitz, ein Eigentümer, ein Bedeutender. Sogleich finden sich auch jene Freunde, die noch jedes Erbe durchgebracht haben. Danny gibt ihnen großmütig Unterkunft, nur sein Bett bleibt tabu. Von dieser Basis aus ziehen nun der Pirat, Pilon und Jesus Maria Corcoran hinaus in die Welt von Tortilla Flat.

Selten läuft es gut für die Bande, aber alles, was geschieht, hat anekdotenträchtiges Gewicht. Steinbeck, 1902 im kalifornischen Salinas geboren, schlug sich in den Zwanzigerjahren unter anderem als Gelegenheitsarbeiter durch und landete dabei in einer Zuckerfabrik, in der auch ehemalige mexikanische Sträflinge arbeiteten. Deren Erlebnisse bilden die Stoffbasis von Tortilla Flat.

Steinbeck bezieht sich für seine Paisano-Schelme und ihre Abenteuer ausdrücklich auf das Vorbild von König Artus' Tafelrunde. Dieser Sagenkreis zählte zu den Lieblingslektüren seiner Kindheit. Er hat in den Fünfzigerjahren sogar Thomas Malroys spätmittelalterliche Fassung der Artussagen ins Neuenglische übersetzt.

Zum Glück behindern aber Steinbecks gelehrte Assoziationen den Spaß an der Lebenskunst seiner Tagediebe nicht. Tortilla Flat gehört zu den Büchern, die, wann immer sie einem in die Hände fallen, dem Lesenden nichts anderes bereiten als Vergnügen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von Harald Eggebrecht
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    foto: süddeutsche bibliothek
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