"Dieses Jahr in Czernowitz": Eine Stadt mit langem Gedächtnis

26. März 2005, 22:29
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Volker Koepps "Dieses Jahr in Czernowitz" - Die einstige Hauptstadt der Bukowina ist zu einem Ort verstreuter Erinnerungen geworden

Wien - Czernowitz liegt überall. Die einstige Hauptstadt der Bukowina, in der ganz unterschiedliche Nationalitäten lebten, ist zu einem Ort verstreuter Erinnerungen geworden - lebendig gehalten von (meist jüdischen) Emigranten. Das war einer der Ausgangspunkte des ostdeutschen Filmemachers Volker Koepp, der sich mit Herr Zwilling und Frau Zuckermann (1999), dem Porträt zweier Überlebender, die in Czernowitz geblieben sind, schon einmal dieser Region gewidmet hat.

Andere hatte die Diaspora in neue Länder gebracht, die alte Heimat blieb als Bild bestehen. Koepp stieß - auch als Folge des ersten Films - auf immer mehr Menschen, in deren (Familien-) Geschichte die Stadt eine fast mythische Funktion einnimmt: Daran setzt nun Dieses Jahr in Czernowitz an, Koepps neuer Film, der Protagonisten aus Berlin, New York und Wien versammelt: den Cellisten Eduard Weissmann, die Schwestern Evelyne Mayer und Katja Rainer, den Schriftsteller Norman Manea oder den Schauspieler Harvey Keitel.

Im Unterschied zu Herrn Zwilling und Frau Zuckermann - beide sind mittlerweile gestorben, der Film ist ihrem Gedenken gewidmet - ist Czernowitz für diese weniger ein Ort der eigenen Erfahrung als einer der vermittelten; in der Folge weicht Koepp, der vor allem für seine Landvermessungen bekannt ist, in denen sich kulturelle Prägungen über Menschen in Alltags- oder Arbeitssituationen übertragen, auch von seiner üblichen Herangehensweise ein wenig ab.

Im dramaturgischen Aufbau loser, reiht Dieses Jahr in Czernowitz zunächst diverse Aussagen - Erinnerungen, Reflexionen der eigenen Identität oder vom Exil als Heimat - aneinander und bindet sie in einen größeren familiären Ausschnitt ein. Damit rückt der Austausch, die Übergabe zwischen den Generationen in den Mittelpunkt, und Czernowitz wird zur mehrdeutigen Chiffre einer verblassenden Vergangenheit: Ein "Schwarzweißbild" ist es für eine jüngere Protagonistin, Symbol für den Heimatverlust beim schwermütigen Manea, der in der rumänischen Sprache Zuflucht sucht.

Doch Dieses Jahr in Czernowitz belässt es nicht bei dieser Rückschau: Es kommt der Zeitpunkt, da jeder Protagonist in das heutige Czernivzi reist und mit Ansässigen, die die jeweiligen Verwandten noch kannten, eine Konkretisierung seiner Familiengeschichte erfährt. Der Deutsche Johann Schlamp ist dabei ein Verbindungsglied, er schmettert alte Lieder, bei Harvey Keitel, der mit schickem Umhang durch Gassen flaniert, entzieht sich die Stadt dann wieder, erstarrt zur persönlichen Bühne. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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Polyfilm Verleih

  • Harvey Keitel als Erinnerungstourist in Volker Koepps Dokumentarfilm "Dieses Jahr in Czernowitz".
    foto: polyfilm

    Harvey Keitel als Erinnerungstourist in Volker Koepps Dokumentarfilm "Dieses Jahr in Czernowitz".

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