War es Putin oder Pudding?

16. Februar 2005, 13:38
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Das kann einen ganz schön fertig machen, Dagmar Kollers Geständnis "Wir hatten seit dem Attentat keinen Sex" ...

Das kann einen ganz schön fertig machen, zumal so knapp vor Weihnachten: Jetzt geistert Dagmar Kollers Geständnis "Wir hatten seit dem Attentat keinen Sex" schon seit zwei Wochen durch die einschlägigen Medien, und da ist niemand, der dieser asketischen Propaganda etwas entgegenhält - in einer Zeit, in der die Österreicherinnen und Österreicher die Zeugung arteigenen Nachwuchses in ausreichender Menge immer lieber verweigern. Um unsere Pensionen zu finanzieren, holen wir dann noch mehr ausländische Arbeitskräfte ins Land, was wiederum mehr Kriminalität und Sozialschmarotzertum bedeutet. Haben Dagi und Helmut das bedacht?

Es ist im Gegenteil so, dass die Medien, die sich dieses Bekenntnisses zum mönchischen Leben angenommen haben, geradezu begeistert darauf reagierten, und sexuelle Abstinenz seither feierten, als ob plötzlich der heilige Augustinus die Blattlinie vorgeben würde. Jetzt nur nicht sagen, irgendwer hätte irgendwen intim abgearbeitet! Aber das Interesse war immens, seit die deutsche "Bild" mit Frau Kollers Frohbotschaft Ich schlafe seit 11 Jahren nicht mehr mit meinem Mann herauskam. Das hinderte "NEWS" nicht, eins draufzudoppeln. Das Doppelgeständnis in NEWS: "Seit dem Bombenattentat haben wir keinen Sex mehr." Ein solcher Knüller schreit in Fellners Imperium nach Mehrfachnutzung, weshalb "Woman" ebenfalls mit einem Dagi-Interview nachzog und einer Behauptung auftrumpfte, die in diesem Reich zugunsten der Realität rasch wieder untergehen wird: No sex sells!

Selbstverständlich hat es an fach- und sachkundigen Erklärungen dieses Phänomens nicht gefehlt, und ich habe auch eine: Die beiden haben einfach zu viel anderes zu tun. Er - Ombudsman, Lebenskünstler, Heeresreformer, laut "Krone" soll er demnächst auch noch den Tierschutz und die Rechtschreibreform reformieren. Ex-Unterrichtsminister Helmut Zilk in neu gegründetem Rat: 2. Chance für Rechtschreibreform, verkündete die "Krone", die die neue Rechtschreibung hartnäckig bekämpft, aber anwendet, am Freitag.

Sie - hat auch nicht wenig zu tun und zusätzlich noch ein Buch geschrieben mit dem Titel "Jetzt fängt 's erst richtig an", obwohl es doch schon 11 Jahre dauert. Sogar den Waschzettel dafür musste sie selber in der "Krone bunt" vom letzten Sonntag verfassen. Klar, dass man da leicht zu dem Urteil kommt, "Sex ist weit überschätzt". Und eine Seligsprechung des Paares wird immer wahrscheinlicher.

Aber auch Personen, ohne deren Deutungsversuche die Öffentlichkeit keine Chance auf Erkenntnis hätte, liefern solche diszipliniert ab. Sexualtherapeutin Rotraud Perner diagnostiziert, diesmal in "NEWS". Bei den einen, die nicht alt werden wollen, kommt es zur senilen Enthemmung. . . Bei den anderen, wie bei Zilk und Koller, kommt es zur spirituellen Sexualität, wo der Energieaustausch von Herz zu Herz geht. Klar, dass beide Austauscher nichts von Viagra halten.

Und auch Marga Swoboda findet - nach einem ersten Schock - die spirituelle Sexualität der beiden geradezu weihnachtlich. Mein persönliches Outing zu einem Outing: Im ersten Moment bin ich unsanft errötet, als mir die große Überschrift am Kiosk ins Gesicht schlug. Dagmar Koller und Helmut Zilk haben seit elf Jahren keinen Sex mehr. Will ich das wissen müssen?

Ja, sie wollte, wenn auch mit Verzögerung. Tagelang dachte ich, das darf man nicht weitersagen. Weder im Wirtshaus noch in der Zeitung. Einfach vergessen? Warum nicht? Aber leider: Ging nicht. Das Thema hat in schillernden Illustrierten in Deutschland und Österreich deftige Nachbeben provoziert.

Und damit gab es auch für Frau Swoboda kein Halten mehr. Meine Errötung ist abgeklungen, das Advent-Tabu - in der "Krone" gewöhnlich eisern befolgt -, dass man in dieser frommen Zeit die Gedanken nicht bis in fremde Schlafzimmer schweifen lässt, ist auch schon gebrochen, und sicher nicht zuerst von mir. Also unverdrossen: Dagmar Koller und Helmut Zilk - ich kann es inzwischen völlig unverkrampft aussprechen - haben also seit elf Jahren keinen Sex mehr, weder miteinander noch sonst wo.

Deren Outing ist nämlich überhaupt kein peinliches Outing, sondern ein Kandidat für die schönste Weihnachtsgeschichte 2004. Wie die Dagi (natürlich hat sie als Erste geplaudert) diesem Sex-Wahn ein Ende bereitet. Wie sie von abertausend Menschen, Promis genauso wie Leuten, die es ihr Leben lang nicht einmal bis in die Karlich-Show bringen - es gibt in unserem Land noch wirkliche Armut! -, eine schwere Last nimmt. Wenn das nicht weihnachtlich ist. Da kann man schon sehr entspannt ausatmen.

Daran hindert mich nur eine Kleinigkeit. Auf die Frage, ob sie manchmal noch von Sex träume, antwortet Frau Koller in "NEWS": Einmal habe ich von Putin geträumt. Mit Richard Gere wäre es mir lieber gewesen." In "Woman" aber gesteht sie: "Manchmal träum ich noch was Erotisches ..., sagt sie. Und was? "Von Pudding!" Von Cremeschnitte wäre ihr vielleicht lieber gewesen. Diese Worte mit u sorgen für die seltsamsten Träume. (DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von Günter Traxler
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