Priesterin der entzündeten Sprache

23. Dezember 2004, 19:36
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Friederike Mayröcker ist eine Wortneuerfinderin, die am Montag 80 Jahre alt wird und von sich selbst kein Aufhebens macht

Man muss die Entscheidungen des Stockholmer Nobelpreiskomitees nicht anzweifeln, um die Größe der Wiener Weltliteratin Friederike Mayröcker anzuerkennen.

Wien – Aus heiterem Himmel – und die Mayröcker-Himmel sind niemals nur heiter, sie werden von Nervositätswinden durchfächelt und von rosenfingrigen Händen angezündet – fallen Blitze auf den Kopf der Autorin herunter.

Mayröcker-Texte, diese durch nichts zu ersetzenden Lichtteppiche, durch deren Flickwerk eine allseitig-allgewaltige Sprachbegabung hindurchleuchtet, sind Pfingsterlebnisse. "Wie Blitze schlitzt es den Scheitel", heißt es dann etwa in dem Gedicht passim (1992). Oder, in äolische Flaschenpost, zu Lebzeiten nachgelassen aus den Jahren 1974/ 75: "(...) Die Wörter fahren/ als Stichflammen aus meinem/ Kopf die kleinen Schlangen".

Mayröckers Schlangen züngeln nicht. Sie wären vielmehr diejenigen Geschöpfe, die an der Stelle der Autorin deren Sprache, die in ihren Zurichtungen und Verunstaltungen "auf uns kommt", vorverdauen und sie sich zauberisch anverwandeln.

Man hat versucht, die Mayröcker, die am Montag ihren 80. Geburtstag feiert, für ihre angebliche Weltabgewandtheit den literarischen Epiphänomenen mutwillig zuzuschlagen. Hat zu Zeiten, als man in Frankreich bereits Nathalie Sarraute buchstabieren konnte, die Wiener Dichterin für deren Versponnenheit belächelt. Hat zu kolportieren gewusst, dass sie sich immer heilloser in ihr Zettelwerk verstricke – irgendwo im vierten Wiener Gemeindebezirk, zugleich verbunden – und dann auch wieder bürgerlich getrennt – von ihrem Lebensmenschen, dem großen Dichterkollegen Ernst Jandl. Lehrer waren sie beide.

Mayröcker, die Pflichtschulpädagogin, die das Klassenzimmer zur Mittagsstunde floh, um nur ja wieder ungestört arbeiten zu können, ließ sich 1969 endgültig beurlauben. Aus solchen Splittern, die Kontaktnahmen einer liebenswürdig Schüchternen zu Andreas Okopenko, zur "Wiener Gruppe", zu Elfriede Gerstl und Bodo Hell belegen, setzt sich eine überragende Dichterinnenbiografie zusammen. Diese ist originär – weil von unerschöpflichem Reichtum. Und Dochäußerlich so karg, so lebensweltlich ausgedünnt – als ob die Blitze im Kopf eine ungesehene Landschaft beleuchteten: "die Spucknäpfe mit Lavendel gefüllt..."

Es lässt sich an dieser Vita rein gar nichts Äußerliches, Äußerungsfrohes taxieren und als Intimitätshappen begierig verschlingen. Mayröcker, die in der vergangenen Dekade die österreichische Weltliteratur mit einer vergleichslosen Prosatetralogie (von mein Herz mein Zimmer mein Name bis brütt oder Die seufzenden Gärten) bereichert hat, überliefert "Nachempfindungen eines Traumes den ich vergangene Nacht nicht zu Ende geträumt hatte".

Wer träumt hier?

Die Frage lautet indes seit Anbeginn der Moderne: Wer träumt hier? Und wem ist es gegeben, die Latenzen des Unbewussten in eine manifeste "Schrift" zu überführen?

Mayröckers Dichtung ist eine nicht abreißende Deutung dieses poetischen Schriftverkehrs. Ihre Wortfindungen können sich zu Reihen auffädeln – zu Geständnissen, die das dichterische Ingenium zu Zeiten seiner Erhellungen glückhaft ablegt.

Dabei speisen sich Mayröckers Gedichte, soeben gesammelt in einem Suhrkamp- Band, aus einer Hingabe, die – entgegen dem Anschein – von der umgebenden Welt denjenigen Gebrauch macht, der aus einer nicht nachlassenden, tagtäglich neu zu erzeugenden Euphorie schöpft. Mayröckers Dasein erinnert insofern tatsächlich an die Praktiken großer, zurückgezogen lebender Seherinnen.

Wahrscheinlich muss man Mayröcker-Texte in die Ahnentafeln der Schöpfungsgeschichte vorläufig unkommentiert aufnehmen: Sie schmiegen sich förmlich an die Gegenstände, die sie mit entzündlichem Sinn stets aufs Neue benennen – und erheben doch für sich den Anspruch, gleichberechtigte Dinge unter anderen zu sein.

Die Wissenschaft, die an Mayröckers Texten öfters herumkaut wie an Lakritzstangen, erkennt dergleichen "als legitimen Ausdruck der technischen Sekundärschöpfung". Mayröcker lesen ersetzt Zwangsaufenthalte in Industrielabors. Darum besitzt diese Autorin keine Lobby – aber verständige Leser hat sie zuhauf. Und weil sie neuerdings auch kommunalpolitisch geehrt wird, bekannte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) anlässlich einer vorgestrig-jenseitigen Feierstunde in der Stadt- und Landesbibliothek, ein Mayröcker- Leser zu sein: Sie habe ihm, als er zur Schule ging, ein Reich der "Freiheit" eröffnet.

Und weil der Herr Bürgermeister in der Vorweihnachtszeit doch Besseres zu tun hatte, als den Ehrenring der Stadt Wien selbst zu überreichen, blieben Freunde und Abhängige unter sich. Im trauten, aufgeschlossenen Kreis. Der Rest gehört Fiaker-Wien. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.12.2004)

Von
Ronald Pohl

Nachlese

Tag der "poetischen Freiheit"
  • Als das Zusammensein mit dem Dichterkollegen Ernst Jandl (1925-2000) die Zuversicht noch befördern half. Friederike Mayröcker, später: "Dasz/ ich nicht sein konnte bei ihm in seiner letzten/ Stunde werde ich nie verwinden."
    foto: standard/matthias cremer

    Als das Zusammensein mit dem Dichterkollegen Ernst Jandl (1925-2000) die Zuversicht noch befördern half. Friederike Mayröcker, später: "Dasz/ ich nicht sein konnte bei ihm in seiner letzten/ Stunde werde ich nie verwinden."

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