Erdbebengefahr in Wien möglicherweise deutlich unterschätzt

21. Dezember 2004, 12:21
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"Schlafende Störungszonen" werden im Wiener Becken vermutet

Wien - Die Erdbebengefahr in der Millionenstadt Wien ist möglicherweise bisher deutlich unterschätzt worden. Das sagen Wissenschafter des Instituts für Geologische Wissenschaften der Universität Wien nach Abschluss des EU-Kooperationsprojekts "Environmental Tectonics" (ENTEC) in der Online-Zeitschrift der Universität.

Störung das Wiener Stadtgebiet

Im Rahmen des Projekts nahmen die Geologen die tektonische Bruchstruktur des Wiener Beckens unter die Lupe. Die Störung reicht vom Semmering quer durch Niederösterreich und das Wiener Stadtgebiet bis zur slowakischen Grenze. Die Bewegungsgeschwindigkeit der sich gegen einander verschiebenden Platten ist dabei vergleichsweise langsam, mit durchschnittlich zwei Millimetern pro Jahr. Derart langsame Verschiebungen verursachen generell weniger Erdbeben als schnelle.

Historisch belegte Erdbeben

Beim Vergleich der Verschiebungen mit jenen Energien, die durch historisch belegte Erdbeben in den vergangenen Jahrhunderte frei gesetzt wurden, kamen allerdings überraschende Ergebnisse zu Tage. Der ermittelte Wert für die Gesamtenergie der Erdbeben beträgt nur ein Zehntel dessen, was nötig wäre, um die Bewegung zu kompensieren. Die Wissenschafter vermuten daher, dass es im Wiener Becken so genannte "schlafende Störungszonen" gibt, einige davon reichen bis ins Wiener Stadtgebiet.

Erdbeben in Carnuntum

Um ihre Vermutungen zu unterstützen, zogen die Forscher auch die Archäologie zu Rate. Die gut dokumentierten Aufzeichnungen des österreichischen Erdbebenkatalogs reichen nämlich nur bis ins Jahr 1201 zurück, für Geologen ein sehr kurzer Zeitraum. Tatsächlich können die Wissenschafter des Österreichischen Archäologischen Instituts nachweisen, dass es in der Mitte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung im Bereich der römischen Provinzhauptstadt Carnuntum (östlich von Wien, Anm.) ein zerstörerisches Erdbeben der Intensität VIII (nach der zwölfteiligen Mercalli-Skala) stattgefunden hat.

Das Beben könnte sich genau auf einem der ermittelten "schlafenden Störungszonen" ereignet haben, stellten die Geologen fest. Gut belegt ist ein Beben der Stärke VII im Jahr 1590 westlich von Wien, mit dem Epizentrum Neulengbach. Ein vergleichbares Beben im Ballungsraum Wien würde nach Schätzung der Münchner Rückversicherung zehn Milliarden Euro Schäden an privatem Eigentum verursachen. (APA)

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