Österreichisches "Bürokratiemodell"

17. Dezember 2004, 10:59
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Pisa-Gewinner haben viel Schulautonomie und dezentrale Entscheidungskompetenzen

Das Wohl der Schüler, das seit der Veröffentlichung von Pisa 2 quer durch alle Parteien als oberste Priorität genannt wird, liegt in Österreich gleich in vier verschiedenen Händen: Über Bund, Land, Bezirk (Gemeinde) und letztlich Schule sind die Entscheidungsstrukturen im Bildungswesen verteilt.

Kurt Schmid, Wissenschafter am Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft, hat bereits nach Pisa 2000 die schulische Mitbestimmung in Österreich ("Schulgovernance") mit jener in wesentlich erfolgreicheren Pisa-Ländern verglichen. Und er kommt in der von der Wirtschaftskammer in Auftrag gegebenen Studie zu dem Ergebnis, dass sich unter den Top-Performern kein Land befindet, dass einen niedrigen Autonomiegrad in der Schulveraltung aufweist.

Das österreichische System müsse im Vergleich zu den untersuchten Pisa-2000-Gewinnern Finnland, Kanada, Neuseeland, Niederlande und Großbritannien mit wesentlich mehr Entscheidungsebenen zurechtkommen: Schmid fasst das Kompetenzenwirrwarr unter dem Begriff "Bürokratiemodell" zusammen. Finnland stünde hingegen für die Dominanz lokaler Entscheidungsträger, in den Niederlanden regiert die Schule selbst.

Laut Studie beträgt die schulische Mitsprache in Österreich unter 40 Prozent. Vor allem bei Finanz- und Personalentscheidungen bleibe vor Ort nur wenig Gestaltungsspielraum. Den Rückschluss, dass ein hoher Grad an Schulautonomie notwendigerweise mit guten Pisa-Testergebnissen einhergehe, will der Bildungsforscher aber nicht ziehen. Dänemark und die USA gelten ihm als Beispiel dafür, dass Autonomie allein nicht zu schulischem Erfolg führt.

Schulischer Freiraum

Wie eng ist der Zusammenhang zwischen Schulverwaltung und schulischer Leistung? Das mache sich nur indirekt bemerkbar, sagt Schmid: "Wenn man nur auf Verwaltungsebene etwas verändert und auf der Ebene des Unterrichts nicht, wird sich nicht viel tun." Andererseits: Damit sich der Unterricht wandeln könne, brauche es mehr schulischen Freiraum.

Derzeit klopft Schmid die Ergebnisse von Pisa 2003 im Bezug auf die dahinter stehende "Schulgovernance" ab. Dabei zeige sich: Außer in Polen gab es nirgendwo tief greifende Änderungen in den Entscheidungsstrukturen. Besser- oder Schlechterplatzierungen könnten daher "nicht auf Veränderungen im Bezug auf Schulautonomie" zurückgeführt werden. Für Polen, wo im Jahr 2000 als Reaktion auf Pisa die Schulautonomie "in erheblichem Maß" ausgeweitet wurde, liegen keine Vergleichszahlen vor. "Ich weiß also nur, es hat sich etwas bewegt", sagt Schmid.

(Karin Moser/DER STANDARD-Printausgabe, 17.12.04)

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