Firmengewinne steigen deutlich stärker als Löhne

29. Dezember 2004, 09:50
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AK: Körperschafts- und Einkommensteuer gehen nach unten, Lohnsteuer nach oben - WKÖ und Industriellenvereinigung wollen Standort Österreich "krank jammern" um Löhne zu senken

Wien - Von 1992 bis 2003 ist der Durchschnittslohn je Arbeitnehmer um 28,2 Prozent gestiegen, während die Unternehmensgewinne (Netto-Betriebsüberschuss) im selben Zeitraum um 65,2 Prozent gestiegen sind, erklärte Donnerstag Abend Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm. Gesunken seien auch die Lohnstückkosten in der Sachgütererzeugung, während die Börsenkurse der Unternehmen "explodieren", so die Kammer.

Der Werbespruch der Wirtschaftskammer (WKÖ) "Geht's den Unternehmen gut, geht's uns allen gut" sei ein "Zerrbild der Wirklichkeit", ärgerte sich Muhm und stellte die rhetorische Frage: "Ist es der Wille der Arbeitgeber, dass wir eine Rolle rückwärts in die 60er Jahre machen?".

Forderung nach Arbeitszeit-Flexibilisierung

Hintergrund des Unmuts der Arbeiterkammer ist die vehemente Forderung der Wirtschaft nach einer Arbeitszeit-Flexibilisierung. In erster Linie geht es dabei um eine Ausdehnung der erlaubten maximalen täglichen Arbeitszeit und einer Erhöhung des Durchrechungszeitraumes für Überstunden. Letzteres bedeutet für die Arbeitnehmer de facto eine Reduktion der Überstunden-Zuschläge.

Laut Muhm würden die WKÖ und die Industriellenvereinigung (IV) den Standort Österreich "im Chor krank jammern", um dann "runter mit den Löhnen" zu fordern. Das Ergebnis sei, dass die Unternehmensgewinne "in steigendem Maß für Finanzanlagen verwendet werden", während die Arbeitslosigkeit hoch bleibe. So seien die Brutto-Betriebsüberschüsse (Gewinn plus Abschreibung) stärker gewachsen als die Unternehmensinvestitionen.

ATX verdreifacht sich

Die AK verweist dabei auf Zahlen der Wiener Börse. Lag der Wiener Börsenindex ATX 1992 noch knapp unter 750 Punkten, erreichte er im Dezember 2004 gar 2.400 Punkte - also mehr als das Dreifache. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit auf mittlerweile über 280.000 Menschen ohne Beschäftigung (registrierte Arbeitslose plus Arbeitsuchende in Schulung), so Muhm.

Außerdem würden die Unternehmen immer weniger Steuern zahlen. Während die Einnahmen aus der Körperschafts- und Einkommensteuer nächstes Jahr (2005) um 680 Mio. Euro niedriger sein würden als im Jahr 2000, stiegen die Lohnsteuereinnahmen im selben Zeitraum um 2,5 Mrd. Euro, rechnete die Arbeiterkammer (AK) vor.

Weniger Steuer als in der Slovakei

Die Folge der Steuerpolitik der ÖVP-FPÖ-Regierung sei, dass Produktionsbetriebe in Österreich etwas weniger Steuern zahlen als in der Slowakei, das als Niedrigsteuerland gilt. Durch die neue Gruppenbesteuerung in Österreich würde die Körperschaftssteuer (KÖST) "in den nächsten Jahren zu einer Bagatellsteuer", warnt die AK.

Muhm fürchtet gar, dass die Ertragssteuer überhaupt verschwinden könnte. Dann würde nur noch die Umsatzsteuer und die Lohnsteuer die öffentlichen Haushalte finanzieren, so seine Vermutung.

Verwundert zeigte sich Muhm über die Forderung der Regierung, die Lohnnebenkosten zu senken. Gerade sie sei es gewesen, die durch die Erhöhung des Kindergeldes diese Kosten steigen habe lassen. Kritik gab es auch an der seiner Meinung nach zu geringen Höhe der Pensionsbeiträge von Bauern und Selbständigen, während die Arbeitnehmer "abgeräumt" würden. (APA)

  • Kalte Dusche für Arbeiter. In den vergangenen zehn Jahren sind die Unternehmensgewinne um 65,2 Prozent angestiegen, der Durchschnittslohn je Arbeitnehmer hingegen nur um 28,2 Prozent.
    foto: epa/goh

    Kalte Dusche für Arbeiter. In den vergangenen zehn Jahren sind die Unternehmensgewinne um 65,2 Prozent angestiegen, der Durchschnittslohn je Arbeitnehmer hingegen nur um 28,2 Prozent.

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