Dandys, Teds und Punks

23. Februar 2005, 21:59
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Von der perfekt inszenierten Nonchalance eines "Beau" Brummel bis hin zum Second-hand-Chic der Bohemian-Babes - in London fängt Stil auf der Straße an.

Die Ausstellung "The London Look: Fashion From Street To Catwalk" des Museum of London begnügt sich erfreulicherweise nicht damit, Designkreationen der vergangenen zwei Jahrhunderte zu präsentieren. Mode wird als Prozess gesehen, an dem nicht nur Designer beteiligt sind, sondern auch Stylisten, Fotografen, Models, Make-up-Künstler, Journalisten und Boutiquenbesitzer. Ganz besonderes Augenmerk gilt auch den Endkonsumenten, für die sich im Street-Style-verliebten London, wo vermeintliche Fashion-Victims zu Modeikonen werden, Gehsteige in Laufstege verwandeln.

Um 1800 waren es die Dandys, die in ihren maßgeschneiderten Anzügen aus der Savile Row die Regent Street auf und ab flanierten. Aber auch Subkulturen wie die Teddy Boys, die in den 1950ern ihren letzten, in drittklassigen Jobs verdienten Penny für konservativ-edle Outfits ausgaben, definierten sich nicht zuletzt über ihr hoch entwickeltes Gespür für Mode - genauso wie später die Mods, Punks oder Garage-DJs.

Eine Stilrevolution von globaler Bedeutung erschütterte die 60er-Jahre, als Studenten der Londoner Art Colleges in Amateurboutiquen Miniröcke verkauften und gemeinsam mit Stars des Swinging London wie Mary Quant, Twiggy, den Rolling Stones oder David Bailey ein "Youthquake" auslösten, das die versammelte internationale Modepresse in die Carnaby Street pilgern ließ.

Spätestens da etablierte sich London als das modische Kreativzentrum, das Designexzentriker wie Vivienne Westwood, John Galliano und Alexander McQueen hervorbringen sollte. Obwohl Outfits all dieser Designsuperstars gezeigt werden, bleibt in der "London Look"-Ausstellung immer ein Stück Realitätssinn hinter den glamourösen Fashionkulissen erhalten. Etwa dann, wenn der erfolgreiche Londoner Designer Bora Aksu erzählt, wie die Capes und Cardigans seiner aktuellen Kollektion von seiner Mutter und Tante in der Türkei gestrickt wurden, die bei der Arbeit so viel rauchten, dass die Stücke vor der Show tagelang ausgelüftet werden mussten. Oder wenn Timothy Everest, ein Savile-Row-Schneider, verrät, dass 14 Mitarbeiter an einem maßgeschneiderten Anzug arbeiten - für Hose und Jackett sind zum Beispiel zwei verschiedene Bügler vorgesehen. DER STANDARD sprach mit Christopher Breward, Kurator der Ausstellung und Professor für Historical and Cultural Studies am London College of Fashion.

DER STANDARD: Was war die Zielsetzung von "The London Look"?

Christopher Breward: Im Gegensatz zu Modeausstellungen in reinen Kunstmuseen, die Kleidung als Objekt darstellen, zeigen wir Mode als soziales Phänomen, das die Kultur einer Stadt genauso nach außen hin repräsentiert wie Architektur oder Politik.

Welche Epochen haben London modegeschichtlich am meisten geprägt?

Breward: Die Epoche von 1800 bis 1820, die Zeit der Dandys, der Savile Row und des Menswear Tailoring. Dann die Swinging Sixties, als London offiziell cool wurde. Und schließlich die späten 80er und 90er, als London mit Galliano, McQueen und Chalayan zum Avantgardezentrum avancierte.

Warum ist der "London Look" experimenteller, eklektischer und alternativer als der Stil in vergleichbaren Metropolen?

Breward: London war immer eine riesige, chaotische Stadt. Und aus diesem Chaos entsteht Kreativität. Wir schneiden kommerziell schlechter ab als straffer organisierte Modemetropolen, und unsere Modeindustrie ist nach wie vor oft amateurhaft. Berühmtes Beispiel dafür ist Mary Quant, die in den 60ern in ihrem Wohnzimmer Kleider aus unglaublich teuren Stoffen von Harrods produzierte, weil sie nicht wusste, dass es so etwas wie Textilgroßhandel gibt. In den vergangenen Jahren sind natürlich auch die ganz besonders guten Fashion Colleges, in denen Mode als reine Kreativdisziplin unterrichtet wird, für Londons Image als Produzent von experimentierfreudigen Designwunderkindern verantwortlich.

Welche Rolle spielen hier die Medien?

Breward: Besonders Magazine wie The Face, i-D und Dazed & Confused haben viel zum Ruf Londons als Zentrum des experimentellen Street-Style beigetragen. Bei der Eröffnung der Ausstellung stand ich vor einem Bild der 16-jährigen Kate Moss, das Corinne Day 1990 für The Face fotografierte. Ein paar Museumsbesucher diskutierten darüber, inwieweit es die Essenz der Londoner Mode schlechthin sei. Ein Foto von einem ungeschminkten jungen Mädchen an einem Strand hat ja rein oberflächlich nichts mit London zu tun, aber die Stylisten, Models, Magazine, Redakteure, Fotografen, die zur neuen, wenig glamourösen Ästhetik der frühen 90er beigetragen haben, sind aus der Londoner Szene hervorgegangen.

Warum gibt es speziell in London eine derartige Vielfalt an interessanten Subkulturen, die Designer und Stylisten inspirieren?

Breward: Das hat mit dem britischen Klassensystem zu tun. Subkulturen entstehen, wenn Rebellion nötig ist. Wenn die Klassenhierarchie strenger ist, gibt es auch mehr Grund für Rebellion. Junge Leute aus dem Arbeitermilieu gehen spielerisch und subversiv mit den Dresscodes der Oberschicht um.

Was sind momentan die Stärken der Londoner Modeindustrie?

Breward: Es geht noch immer mehr um kreative Vision als um Organisation. London ist nach wie vor besser beim Exportieren von Talenten als bei der Aufgabe, sie an London zu binden. (DERSTANDARD/rondo/Britta Burger/17/12/04)

The London Look:
Fashion From Street To Catwalk
Museum of London
London Wall
London EC2

bis 8. Mai 2005
museumoflondon
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