Schwere, fette, Teile

27. Dezember 2004, 17:11
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Der um den Hals hängende Kontoauszug oder: Size matters! Eine kleine Kulturgeschichte zur Rolle von edlen Steinen und schweren Ketten im Pop

Die Zurschaustellung erlangten Wohlstands hat im Pop Tradition. In strengen Schulen denkende Konservative und ihre Anhänger sprachen den unakademischen und meist aus dem gemeinen Volk kommenden neuen Popkünstlern jede Legitimation ab. Es galt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: gesellschaftlicher Aufstieg, ohne die anerkannten Wege zu gehen? Unmöglich. Pop strafte diese Einschätzung Lügen. Ob Louis Armstrong Noten lesen konnte? Ob Elvis ein begnadeter Gitarrist war? Ob Al Greens Falsett jeden Ton exakt traf? Derlei Gedanken sind Zeitverschwendung. Populär macht, was verstanden wird. Elvis' Hüftschwung war wesentlich bedeutender als seine mehr oder weniger exakt gegriffenen Akkorde. Satchmos emotionelles Spektrum wog schwerer als ein sauber gespielter Ton. Und wer mithilfe von Al Green seiner Liebsten näher kam, hatte auch andere Sorgen, als dessen hohes C infrage zu stellen. Angesichts dieser neuen Wertigkeit wundert es kaum, dass Popkünstler als Traditionsbrecher stolz auf ihre Errungenschaften waren und die Früchte dieser Arbeit entsprechend präsentierten. Zu einer diesbezüglichen Hochblüte kam es mit dem Aufstieg von HipHop in den 80er-Jahren.

Das Duo Eric B. & Rakim kokettierte auf dem Cover seines Albums Paid In Full (sic!) in der klassischen HipHop-Angeberpose. Mit Geldscheinen in den Händen, an den Fingern fette Ringe, eine protzige Uhr am Handgelenk und die obligatorischen Goldketten um den Hals: schwere Teile, bunte Amulette. Size matters! Das weiß jeder Neureiche.

HipHop, eine Kultur der Straße, brachte damals seine ersten Stars hervor: LL Cool J, Run DMC, Ice-T, Eric B & Rakim, Schooly D, Public Enemy und viele mehr. Es war die hohe Zeit des "Gangsta-Rap", einer Form des HipHop, die sich stark an der Getto-Herkunft seiner Protagonisten orientierte. Einer Situation, in der es kaum Möglichkeiten gab, sich konform den Idealen des "American Way of Life" nach oben zu arbeiten. Allein das Gangster-Dasein versprach, was sich sonst nur selten in die Armutsviertel verirrte: teure Autos, pralle Anwesen, ebensolche Frauen, Respekt. Und zwar schnell und ohne viel Zeit mit Ausbildung zu verplempern. HipHop als junges, prosperierendes Genre bot die Möglichkeit, das zu bekommen, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten: Der Rapper wurde zum Chronisten der Straße. Je authentischer er berichten konnte, desto mehr Platten verkaufte er. (Er, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen wie Salt'n'Pepper, Money Love oder heute Lauryn Hill und Missy Elliott, war und ist HipHop stark männlich dominiert.) Der neue ökonomische Status wurde schließlich angemessen zur Schau gestellt. Man blieb damit "street" und "real" - auch wenn man längst in Beverly Hills residierte.

Neu war das nicht

Man denke nur an Elvis' goldenen Anzug oder seine Las-Vegas-Phase: Angetan in grellen Anzügen mit Capes und überdimensionierten Gürtelschnallen, gespickt mit falschen Edelsteinen, wurde vor allem eines allgemein verständlich übersetzt: ein Kontostand. Dieses Ausstellen des Wohlstands war an Biografien festzumachen, die meist von ganz unten kamen. Bereits bevor in den Sixties durch die aufkommende Hippie-Ära eine eher strenge Mode durch grelle Fantasie-Entwürfe (Jimi Hendrix etc.) abgelöst wurde, bot Schmuck die Möglichkeit, Status extravagant zu demonstrieren: Es gibt Fotos von Fats Domino, auf denen er - im gepflegten Anzug am Klavier sitzend - seine Finger vor lauter Ringen kaum zusammenbringt. Oder von Sammy Davis jr.: Sein Mikrofon verschwindet beinahe hinter einer mit Juwelen besetzten Reihe von Ringen. Auch der glitzernde Handschuh, mit dem Michael Jackson lange Zeit durch seine Welt irrlichterte, schließt daran nahtlos an. Besonders würdevoll erschien das nicht. Aber Würde mussten sich gerade Afroamerikaner nach Jahrhunderten der Sklaverei und des Alltagsrassismus nicht mehr beweisen: Ohne hätte man nicht überlebt.

Statt sich also um die Meinung anderer zu kümmern, entstand ein Selbstbewusstsein, das der Welt eine neue Begrifflichkeit bescherte: cool! Darin widerspiegelte sich Verspieltheit und die Neigung zur Umdeutung von Begriffen, mit der gerade Afroamerikaner die Umgangssprache prägen. "Cool" bedeutete plötzlich "hot". Während heute schon Fünfjährige "cool" in ihrem Wortschatz führen, war dieses zuerst als Straßenwort in Gebrauch und bedeutete vor allem eines: unantastbar zu sein. Das schuf Künstler mit neuem Image: Während Elvis' Stern seinen langen Weg nach unten nahm, tauchten Typen wie Isaac Hayes auf. Hayes bewerkstelligte den Balanceakt zwischen Zuhälter-Look und Coolness. Den hoch gewachsenen, muskulösen Glatzkopf mit der sexy Stimme umgab eine Aura, die noch die übelsten Geschmacksentgleisungen als Stil erscheinen ließ. Ob es ein aus Goldketten und Edelsteinen bestehendes "Hemd" war oder die auf die Motorhaube eines Cadillac geschweißten Kristall-Luster, die seine Kutsche in John Carpenters Kultfilm "Escape From New York" (1981) zierten: Hayes war cool. Damit nicht genug, gewann dieser bunte Vogel auch noch einen Oscar für den Soundtrack zu dem Detektivfilm "Shaft" (1972).

Discokugel versus Punk

Tauchten Künstler wie Hayes zu einer Zeit auf, in der Rassendiskriminierung als Thema offen mitschwang, lud die Popkultur später im Discoboom in alles egalisierende Tanztempel. Ob schrill oder Mauerblümchen, schwarz, weiß oder braun, ob schwul, hetero oder bi - unter der Discokugel waren alle gleich. Egal, wie exzentrisch das Outfit oder das Gebaren waren, solange niemand anderer darunter zu leiden hatte, war alles erlaubt. Punk, der fast zeitgleich passierte, war das Gegenextrem: Galt im Disco die Eitelkeit als nahezu gefordertes Wesensmerkmal, stapelte Punk (nicht weniger eitel) tief und erhob die Hässlichkeit zum Ideal - um kurz darauf von Vivienne Westwood über die Catwalks geschickt zu werden. Was seitdem im Pop Mode wurde, erreicht diese beiden Extreme kaum noch. Der Rest ist Revival. Selbst die in den 90er-Jahren auftauchenden "Modern Primitives" mit ihren Tattoos und Piercings sind steinalt. Ein Blick in eine beliebige Afrika-Doku genügt. Doch egal, in welcher Kreisbewegung sich die Pop-kultur gerade um sich selbst dreht - um seinem ephemeren Wesen maximale Aufmerksamkeit zu verleihen oder um sein Überleben in diesem Zirkus unter Beweis zu stellen: Kristalle, Perlen, Juwelen, edle Steine - egal ob echt oder falsch - sind ständige Begleiter von Sternchen und Stars.

Wenigstens das haben Britney Spears, Shakira und der King gemeinsam. (DERSTANDARD/rondo/Karl Fluch/17/12/04)

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