Gerichtsgeschichte: Miriam ist sein Schicksal

17. Dezember 2004, 21:21
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Wegen seiner rauen Schale wird der Frührentner zu neun Monaten teilbedingt verurteilt

Wien - Der Schriftführerin haben sie in der U-Bahn die Geldbörse gezogen. "Die Welt wird immer schlechter, Herr Rat", bemerkt dazu Gerhard L., ein hagerer Frührentner. "Da redet der Richtige", erwidert der Richter. Der Staatsanwalt assoziiert mit ihm gefährliche Drohung, Sachbeschädigung, Diebstahl und Körperverletzung. "Er hat einen patzweichen Kern", beteuert sein Anwalt. Aber wegen der rauen Schale wird er zu neun Monaten teilbedingt verurteilt.

Begegnung in der Schnellbahnstation

"Miriam ist mein Schicksal", vertraut er dem Gericht an. Sie ist ihm davongelaufen. "Wenn S' den Mann sehen, wegen dem sie mich stehen hat lassen, kriegen S' einen Lachanfall", glaubt er. Er selbst lacht freilich erst heute, den Anfall hatte er bereits im Sommer. "Hallo Orsch-g'sicht, die Miri kann bald deine Narben zählen", kündigte er sich beim Nebenbuhler an. An der Schnellbahnstation kam es zur Begegnung. "Er hat förmlich 'bettelt um a Watsch'n", entschuldigt sich Gerhard. Den Zahn will er ihm aber ersetzen. "Obwohl, bei eam is' eh wurscht, ob eam ana fehlt oda net", sagt er.

Reflex im Schock

"Und warum haben Sie in der Nacht die Müllbehälter angezündet?", fragt der Richter. "Das war ein Reflex im Schock, ich hab alles g'hasst, was mir in die Finger 'kommen is'", erwidert der Angeklagte. "Wissen S', die Miriam war eine Wahnsinnsfrau", schwärmt er. "So ane gibt's nur amoi im Leben, für die Frau muss ma kämpfen." - Notfalls müsse man sogar für sie stehlen gehen. "Ich hab ihr nix bieten können, Herr Rat", sagt er. So habe er in einem Modegeschäft einen vorübergehend herrenlosen Aktenkoffer zu seinem eigenen erklärt. "Was war drinnen?", fragt der Richter. "Waaß i net, i hob eam net auf'bracht, i bin ja ka Dieb", erwidert der Angeklagte.

"Und wo ist Miriam heute?", fragt der Richter, der die Zeugin vermisst. "Irgendwo in der Karibik", sagt Gerhard zerknirscht: "zu zweit mit dem Orschg'sicht." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 17.12.2004)

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