Bildungsdebatte

16. Dezember 2004, 16:43
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Speisewagen eines Eurocity in Richtung Wien. Früher Abend. An einem der Tische die Journalistin Bobek und der Journalist Lingens, miteinander im Gespräch. Sie trinken Rotwein...

...Ihnen gegenüber ein Gleisbauarbeiter auf der Heimfahrt. Er trinkt Bier und hört interessiert zu.)

BOBEK (heiter, mit leuchtenden Augen): Also, das war so: Ich war beim Erdäpfelschälen in der Küche und höre die Nobelpreisrede von der Jelinek im Radio, und auf einmal sagt der Severin: "Mami, das klingt gut: 'Ich bin der Vater meiner Muttersprache.' Das werde ich einmal im Deutschaufsatz schreiben. Der Lehrer versteht das nie." Ist das nicht witzig?

LINGENS (lacht): So sind sie, die Kinder. (Kurze Pause. Der Gleisbauarbeiter bestellt sich ein neues Bier.)

BOBEK (wie oben): Und diesen anderen Jelinek-Satz, 'ich bin übernächtig davon, meiner Sprache nachzuschauen wie ein Leuchtturm aufs Meer', den habe ich ihm mit meinen klebrigen Fingern mitschreiben müssen, weil er ihn unbedingt einmal in eine Hausübung einbauen will.

LINGENS: Vifer Bursche. In was für eine Schule geht er?

BOBEK: In die französische. Severin will sprachlich klotzen, nicht kleckern. (Lacht.)

DER GLEISBAUARBEITER (rülpst): Pardon. Die Kohlensäure.

LINGENS (zu Bobek): Ich persönlich habe das Glück, meinen Jüngsten, den Eric, im Aloha-College in Marbella untergebracht zu haben. Die arbeiten nach dem englischen Schulsystem und verschaffen Jahr für Jahr einer großen Zahl von Absolventen die Qualifikation für die besten Universitäten Europas. Jeder Arbeitsplatz hat Internetanschluss, Hausaufgaben setzen durchwegs eigene Recherchen voraus und zu den Unterrichtsgegenständen zählt, gleichberechtigt mit Mathematik oder Französisch, das Fach "Drama". Zuletzt wurde Lorcas Haus der Bernarda Alba in einer englischen und einer spanischen Fassung aufgeführt. Die Voraussetzung jeder komplexeren Denkleistung, meiner Ansicht nach, ist die Beherrschung der Sprache.

DER GLEISBAUARBEITER: Pardon, wie heißt das? Arabella-College?

LINGENS: Das Aloha-College in Marbella.

DER GLEISBAUARBEITER: Marbella . . . Nie gehört . . .

BOBEK: Haben Sie auch Kinder?

DER GLEISBAUARBEITER: Eines, ja. Den Ferdl.

BOBEK: Und in welches Gymnasium geht er?

DER GLEISBAUARBEITER: Pazmanitengasse. Hauptschule. (Er rülpst.) Pardon.

BOBEK: Sie sollten unbedingt schauen, dass er ins Gymnasium kommt, wenn möglich ins französische. Er soll doch eine Chance haben später, und beim heutigen Arbeitsmarkt . . . Ohne umfassende Bildung geht da gar nichts.

DER GLEISBAUARBEITER: Da haben Sie sicher recht. Aber Arabella-College . . . Das können wir uns nicht leisten. Meine Frau ist seit acht Monaten arbeitslos, gut, ist sie zwar daheim, kann sie sich kümmern. Aber kostet schon die Pazmanitengasse genug. Und jetzt die Selbstbehalte überall, sogar beim Arzt. Der Ferdl hat ja dauernd was. Einmal da ein Cut, einmal dort einen Gips.

LINGENS (lacht): So sind halt manche Kinder.

BOBEK: Trotzdem sollte man alles für sie tun. Muss man halt ein bisschen mehr arbeiten, ein bisschen zurückstecken, mein Gott! Tun wir doch alle.

DER GLEISBAUARBEITER: Sicher, sicher . . . (Er trinkt, rülpst.) Aber . . . Mein Gott . . . Irgendwas wird schon werden aus dem Ferdl. Vielleicht sind Ihre Kinder irgendwann froh, wenn's jemand gibt, der gelernt hat, wie man einem Orschloch richtig in die Goschen haut. (Vorhang)

(DER STANDARD-Printausgabe, 16.12.04)

Material: Peter Michael Lingens, "Modell einer guten Schu- le", profil 51/04; Susanne Bobek, "Der PISA-Effekt", Kurier, 13. 12. 04
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