Pisa als politischer Elchtest

16. Dezember 2004, 16:48
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Zuerst Schülertest, dann Analysen und danach politische Konsequenzen, lautet der inoffizielle Pisa-Fahrplan. Die Schlüsse, die die vier Bildungssprecher der Parteien ziehen, ähneln sich

Wien - Die Schüler haben den Test hinter sich, jetzt sind die politisch Verantwortlichen dran: Pisa kann auch als Elchtest für die Schulpolitiker interpretiert werden - und dafür reicht es nicht aus, Testsieger Finnland zu bereisen und dessen Modell zu übernehmen. DER STANDARD fragte bei den Bildungssprechern der Parlamentsparteien nach, was sie in den vergangenen zwei Wochen aus den mittelmäßigen Leistungen der heimischen Schüler gelernt haben:

"Dass insbesondere die Frage der sozialen Schieflage im österreichischen Schulsystem einer dringenden Lösung bedarf", sagt Dieter Brosz von den Grünen. Adäquates Mittel wäre für ihn die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen.

SP-Pendant Erwin Niederwieser plädiert ebenfalls klar für eine "gemeinsame Schule der Fünf- bis 15-Jährigen" und möchte das auch mit Zweidrittelmehrheit im Parlament "als gleichberechtigte Schulorganisationsform" festlegen lassen. Die Aufteilung der Zehnjährigen in Hauptschule oder AHS-Unterstufe sei "eindeutig zu früh, sozial ungerecht und kontraproduktiv."

Ein Ansatz, dem jetzt auch FP-Bildungssprecherin Mares Rossmann einiges abgewinnen kann: "Der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider wird mit seiner Offensive für die Gesamtschule eine Vorreiterrolle spielen", prognostiziert sie. Rossmann kann sich innerhalb einer "gemeinsamen Schule" die Einführung von Klassenzügen vorstellen.

Werner Amon, Bildungssprecher der ÖVP, zieht aus der Pisa-Studie wiederum den Schluss, "dass ein wenig mehr Zeit in der Volksschule etwas Sinnvolles wäre, um eine gute Basis zu legen". Nicht nur im Hinblick auf kindliche Sprachdefizite könnte "ein verpflichtendes Kindergartenjahr oder ein Vorschuljahr eine gute Idee sein. Immer abgestellt auf die jeweiligen Förderbedürfnisse des Kindes". Vor allem (städtische) Haupt-und Berufsschulen sowie das Poly müssten genauer analysiert werden. Das Problem der Differenzierung sei in der Tat "offenbar eine zentrale Frage. Derzeit erfolgt die Differenzierung nicht so, dass sie einen optimalen Output ergibt - ohne das ganze System gleich infrage zu stellen", so Amon.

Mathe mag man nicht

Und in welchem Kompetenzbereich (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaft, Problemlösen) hätten die vier Bildungssprecher ihrer Selbsteinschätzung nach selbst am besten abgeschnitten?

Werner Amon nennt "Problemlösen und Naturwissenschaft eher mein Feld". SP-Mann Niederwieser tippt als "Bücherfresser" auf gute Ergebnisse beim Lesen und den Sprachkompetenzen. Mares Rossmann vertraut ganz auf ihr "gutes Allgemeinwissen", wenn sie auch nicht nochmal in Mathematik maturieren wolle. Und Brosz tut sich bei "sprachlichen Dingen" leichter. Denn Sprache und besonderes Verständnis würden sich fast automatisch weiterentwickeln. "Wobei", beginnt Brosz zu zweifeln, "nicht bei allen. Bei der Bildungsministerin bin ich mir nicht ganz sicher, ob das in den letzten Jahren auch der Fall war."

(Karin Moser,Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 16.12.2004)

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