Jagd nach dem grünem Saphir

29. Jänner 2004, 11:09

Die Edelsteinminen von Sri Lanka bescheren dem gebeutelten Land die lokale Variante des "Goldrush". Eine Reise zu Karat und Klunker.

Robert Haidinger

"Keiner hat größere Saphire als ich" freut sich Mohammed Muzzamil Baba und wuchtet einenblauen Brocken nach oben. Satte 21 Kilogramm wiegt das Ding und leuchtet mit Babas Zähnen um die Wette. Dabei gibt es eigentlich gar keinen besonderen Grund zum Lachen. Denn der Mann aus Haputale kam für seinen Fund zu spät. "Um einige Millionen Jahre sogar". Jetzt laufen tausende feine Sprünge durch den größten blauen Saphir der Welt und machen das überreife Riesenjuwel so wertlos wie altes Glas. Schade für Bawa und den blauen Riesenklunker.

Doch der bärtige Juwelenhändler und Sri Lankas Edelsteinindustrie können solche Blindgänger wohl verkraften. Immerhin hat die legendäre Insel Serendib bisher schon einiges zum weltbewegenden Thema Edelsteine beigetragen: den mit 19 Kilo schwersten verwertbaren Saphir aller Zeiten etwa. Der englischen Queen wurde ein kleinerer, dafür aber lupenreiner 400-karätiger blauer Saphir namens "Blue Belle" in die Krone gesteckt. Und auch im New Yorker Museum of Natural History leuchtet ein Kleinod der tropischen Schatzinsel: der größte Sternsaphir der Welt - ein salopper 563-Karäter mit dem irreführenden Namen "Star of India".

Dass sich die Welt auch weiterhin an Sri Lankas Juwelchen erfreut, verrät freilich auch ein Blick in Babas improvisierten Show-Room. Zwischen einem handgeknüpftem Mekka-Gobelin und dem vergilbten Matterhorn-Poster verstauben hier Dankesschreiben von Klienten aus aller Welt. Kundentreue hat allerdings Tradition im klassischen Land der Rubine und Saphire. Seit der biblische König Salomon der Königin von Saba um 1000 v. Chr. erlesene Rubine aus den Juwelenfeldern des Städtchens "Ratnadeepa" verehrt hatte, riss der weltweite Strom zufriedener Käufer nicht mehr ab. Alle kamen sie hierher, um die Insel um einige glitzernde Edelsteine zu erleichtern. Indische Maharadschas und persische Großwesire wurden damit bei strahlender Laune gehalten, und als Marco Polo hier anlegte, entdeckte er in der damaligen Hauptstadt Anuradhapura an der Spitze der Ruwanweli Sewa Dagoba einen Rubin von geradezu unglaublicher Größe: "Lang wie eine Armspanne und dick wie ein Männerarm" soll das Juwel gewesen sein.

Das klingt nun alles ziemlich märchenhaft. Doch Märchen erzählen auf Sri Lanka bis heute viele - vor allem wenn es um Edelsteine und echte Dollars geht. Zahllose Straßenhändler lauern mit einer Hand voll Klunker auf Käufer, während die Big Boys des Gem Business jährlich 85 Millionen Dollar umsetzen. Damit präsentiert sich die Edelsteinindustrie hinter den Auslandsüberweisungen, dem Tee-Export und der Textilbranche als viertgrößter Devisenbringer des Landes.

Nur Südafrika, Brasilien, Thailand und Birma können sich in dieser Hinsicht mit dem kleinen Inselstaat messen. Wachstumspotenzial: praktisch unbegrenzt. Nach jüngsten Erkenntnissen der Geologen ist nämlich erst die Oberfläche der unterirdischen Schatzkammern angekratzt. Abgesehen von der zwölf Quadratkilometer kleinen Jaffna-Halbinsel soll nämlich ganz Sri Lanka Edelsteinminen beherbergen. Aktuelle Funde in verschiedensten Landesteilen bestätigen dies - und bescherten dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land zuletzt eine Art Edelsteinrausch.

Galle und Colombo wetteifern heute um den Export. Epizentrum des lukrativen Geschäfts blieb aber Ratnapura, das ehemalige "Ratnadeepa" des biblischen Salomon. Dampfige Luft und quietschgrüne Reisterrassen dünsten die "City of Gems", die sich im Windschatten des Pilgerberges Adams Peak, auf halber Höhe zwischen Tief-und Bergland auf gutem Boden ausgebreitet hat. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs sich die Stadt der Edelsteine mit knapp 50.000 Einwohnern zum drittgrößten Ort des Landes zurecht, und nur flüchtig lenken der weiß getünchte Glockenturm und das grün ondulierte Panorama der hier beginnenden "Low Country"-Teepflanzungen vom Leitmotiv der geschäftigen Stadt ab. Bereits ein kurzer Spaziergang durch die lebhafte Basarstraße verschafft Klarheit: in offenen Werkstätten kleben die teuren Korunde am Schleifkitt der Poliermeister, die hier mit archaischen Geräten und ruhiger Hand feine Facetten und Cabochon-Schliffe erzeugen. Ein Edelsteinshop reiht sich ans nächste. Metergroß sind die Klunker und Schmuckstücke an den Wänden aufgezeichnet: Melonengroße blaue Saphire und Rubinringe im Wagenradformat konkurrieren da erfolgreich mit grellbunter Waschmittelwerbung, und die Pinselstriche der funkelnden Edelsteine sind fast im Stile des frühen Carl Barks gehalten. Dagobert Duck und Klaas Klever lassen aus Ratnapuras Basar grüßen . .

Ausgebuddelt wird das Rohmaterial für Ratnapuras Prosperität in den unscheinbaren Minen der näheren Umgebung, die meist nur einen kurzen Spazierweg vom Straßenrand entfernt sind. Beispiel Permadulla: simple Palmblattdächer gegen Monsungüsse und gegen die stechende Mittagssonne, einige handgeflochtene Rattankörbe und Stapel weißgefleckter Kautschukstämme weisen den Weg durch die Reisfelder, in denen der Ratnapura-Mix lagert. Nur wenige Meter vom steilen Ufer des Kalu Ganga tuckert hier ein Dieselgenerator auf Rubin komm' raus und versorgt so eine rostige Wasserpumpe. Schließlich hat auch Grundwasser keine Balken, dringt in die Stollen ein, und erschwert so das Weiterbuddeln in die Tiefe. Doch der zuckelnde Dieselmotor ist auch schon das einzige Zugeständnis ans 20. Jahrhundert.

Ansonsten hat sich an der Fördertechnik seit König Salomons Tagen praktisch nichts geändert: Sowohl der buddhistische Astrologe als auch der Bodenbesitzer haben bereits vor Wochen ihren Sanktus erteilt. Die Bahirawas-Erdgeister wurden mit Blütenblättern, einigen Körnchen Reis und einem hübschen Packen Betelnuss vorsorglich beschwichtigt, und so reicht die Grube nun bereits zehn Meter senkrecht nach unten. Verdammt weit, bedenkt man, dass manche der besten Hundertkaräter lediglich zwei knappe Armlängen tief unter den Reis-Setzlingen aufgestöbert wurden.

Die Arbeit geht offenbar gut voran: Längst stützen die abgeschälten Kautschukstämme die engen Schachtwände ab, und ein primitives Klettergerüst führt ins schwarze Grubenloch hinunter. Daneben kurbelt ein schlaksiger Junge große Körbe mit feinen Farnwedeln als Dichtungsmaterial in die Tiefe, und von unten kommen dieselben Rattankörbe mit Schotter gefüllt zurück. Dabei muss noch viel mehr getan werden, für eine Handvoll edler Steine. Schlammverschmiert stehen die halb nackten Arbeiter bis zur Hüfte in schultertiefen Gruben und waschen dort mit kreisenden Körben die Fördermenge. Andere balancieren wie Seiltänzer und mit Bambusstangen in der Hand an schmalen Baumstämmen durch den nahen Fluss: River Mining. Wann die Erdgeister den nächsten Schatz vom Inneren der nahen Bergen im Flussbett herunter schieben, kann niemand sagen. Doch strahlend schön ist der Platz auch so. Schmetterlinge umflattern die Edelsteinsucher, und an den aufgestellten Sieben treiben die weißen Trompetenblüten ufernaher Stechapfelstauden vorbei. Zum Greifen nah.

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