Der wilde Philosoph

23. Dezember 2004, 17:37
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Kleine Wunder des Ausdrucks: Alfred Brendel

Einst imponierte der junge Alfred Brendel als "wilder Philosoph am Klavier". Gegenwärtig wird der 1931 geborene Pianist bewundert als tiefgründiger Hüter und Erforscher der großen Tradition zwischen Bach, Haydn, Mozart, Liszt und Brahms. Und auch die "Wildheit" mag sich ein wenig beruhigt haben. Dieser Künstler hat sich erstaunlich entwickelt. Gewiss "ändern" sich Interpreten, wandeln ihre Auffassungen, reifen. Doch was ihr Niveau betrifft, so bleiben sie im Grunde stets dem Gesetz treu, nach dem sie angetreten sind. Nicht Brendel. Ohne Zweifel war er von Anfang an, als er noch mit Mussorgsky brillierte, als er Schuberts "Wanderer-Phantasie" sogar in Liszts Orchesterfassung vortrug, ein origineller Pianist. Doch zum Künstler obersten Ranges, zum fesselnden Beethoven-Interpreten oder Schubert-Traumdeuter wuchs er erst in den 60er-Jahren. Gegenwärtig geht ihm Haydn über alles. Vor dem Tode, sagte mir jüngst der 73-jährige Brendel, möchte er am liebsten Haydn-Musik hören ...

21-jährig, als Mozart für die französische Pianistin Jeunehomme sein Es-Dur-Klavierkonzert KV 271 schrieb, war er bereits erfahrener Konzertkomponist. Aber das "Jeunehomme"-Konzert übertrifft alle seine bisherigen Klavierkonzerte enorm: Der Mittelsatz, ein Bekenntnisstück, fordert vom Solisten sprechend-beredten Ausdruck und rezitativische Freiheit. Alles das bietet Brendel hingebungsvoll. Nie falsch "titanisch", sondern manchmal mit herzbewegend depressivem Zögern. Als Edwin Fischer, Brendels großes Vorbild, einst den Beginn von Beethovens G-Dur-Konzert während einer Probe ausdrucksvoll nachempfand, klopfte der Dirigent Richard Strauss kühl ab und fragte unverblümt: "Warum machen S' da so viel? Sie geben doch nur Ihre Visitenkarte ab." Ein Glück, dass Brendel sich hier lieber an Fischer als an Strauss hält! Ihm gelingt Wunderschönes: Er verklärt den einzigartig poetischen Anfang. Später umspielt er als Solist nicht nur die vom Orchester vorgetragenen Themen, er wiederholt nicht bloß, sondern geht stets ausdrucksvoll darüber hinaus, erweitert passioniert. Die gleichsam suchenden vielfachen Wiederholungen des Klopfmotivs steigert er am Anfang der Durchführung zum abgründigen Binnendrama. Als "Cadenz" wählt Brendel nicht Beethovens viel gespielte, riesige, epische - sondern er überrascht mit Beethovens kürzerer, kontrastreich expressiverer ...

Franz Schuberts nachgelassene c-Moll-Sonate wird unter Brendels Händen zum Ereignis. Wie der erste Satz Beethoven-nah beginnt, doch allmählich in Schuberts traurigen Traum mündet, wie sich das Adagio immer subtiler in seine sehnsuchtsvolle Harmonik verstrickt, wie das Menuett erschrocken stockend aus dem Tanz-Tritt gerät und das Finale als rasende Todes-Tarantella verstört: Wir Schubertianer wären arm ohne solche Ausdruckswunder.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.12.2004)

Von
Joachim Kaiser

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    foto: philipps classic

    Alfred Brendel

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