Wohltätigkeit allerorten, nirgends Foie gras

21. Dezember 2004, 18:24
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Willkommen zum heutigen Vortrag "Weihnachtliche Sitten im Ausland". Angesichts der dramatischen Lage im Inland müssen wir tunlichst auf den Potlatsch zu sprechen kommen. Der Potlatsch ist quasi Weihnachten bei nordwestamerikanischen Indianerstämmen, Seattle und Umgebung. Es ist also Dezember, Monat ohne Licht. Das Jahr ist müde. Da plötzlich: Dorf A lädt Dorf B zur heftigen Performance. Zelte werden verbrannt, Geschirr wird niedergeritten, Fleischmassen werden den Hunden vorgeworfen, Kriegsgefangene werden dahingeschlachtet, Wein in den Fluss gekippt, Kunstwerke verhackstückt, Lippenstifte den Kindern zum Malen über- lassen - nach ein paar Tagen Exzess darf Dorf B wieder nach Hause. Dorf B ist natürlich verzweifelt. Welch eine Verschwendung! Wie machen die in A das bloß? Man grübelt - ungefähr bis Aschermittwoch, dann beginnt man zu hackeln und zu sparen. Kriege werden gewonnen, Teppiche gewebt, Töpfe getöpfert etc. Dann, etwa um Nikolo, reitet einer los und bringt die Einladung nach A: Potlatsch in B. Bitte alle kommen. Nur der Tod entschuldigt. Das Jahr ist müde. As machen sich auf nach B. Werden sie unseren Potlatsch toppen?, fragt man sich. Leider ist klar: Sie werden. In B wird französisches Parfum auf stinkende Grizzlys geschüttet, Teppiche bepisst, Sklaven in den Fluss geschmissen, auf die Foie gras geascht . . . Dreikönig wird Dorf A mit gigantischem Prestigeverlust nach Hause entlassen, der Frust dauert bis Karfreitag, dann beginnt man - mit Kriegführen und Teppichweben.

Ist das nicht eine schöne Geschichte? Natürlich weiß keiner, ob sie überhaupt stimmt. Aber Ethnologie war der einzige Mythos, den das 20. Jahrhundert Charlie Marx entgegenzusetzen hatte. Natürlich liest sich Lévi-Strauss und Co (zufällig haben der große Jeans-Schneider und der große Ethnologe denselben Nachnamen) viel saftiger als "Das Kapital", dieser St. Marxer Buchstabenfriedhof. Der Potlatsch war das Fundament des Kapitalismus, und Bataille schrieb ein feines Stück Prosa hiezu, nämlich, dass der Sinn des Lebens die hemmungslose Verschwendung sei. So war alles ganz prima - bis es keinen Sozialismus mehr gab. Wir haben ihn leider aufgegeben.

Jetzt ist wieder Dezember, und alles ist trist. Prominente baden nicht mehr in Champagner, sie zerren die letzten aufzutreibenden verhungernden Kinder vor die Kamera, um ihre Imagewerte besonders penetrant nach oben zu ökonomisieren. Wohltätigkeit allerorten, nirgends Foie gras. Nur noch Spendenkontonummern bei den R-Banken. Ja, richtig, diese Wohltätigkeit nützt nicht nur den Promis, sie nützt auch den Banken. Aber Banken werden niemals die Grazie zu einem Potlatsch aufbringen! Bitte, spenden Sie niemals etwas den Banken, verschwenden Sie Ihr Geld lieber an die guten, fetten, nordwestamerikanischen Sechs-Kilo-Weihnachts-Hummer!
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/17/12/2004)

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