Die zwingende Kraft kleiner Formationen

20. Dezember 2004, 19:49
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Große Kammermusik im Brahmssaal

Wien - Gut, dass man mitten im Lärm der Symphonik und der Opern mitunter daran erinnert wird, was Musik auch sein kann, oder, was eigentlich Musik ist. Weniger der Aufmarsch einer dann nach Noten losschlagenden Formation. Wie im profanen Leben so auch in der Musik sind Augenblicke besonderer Erlebnisintensität auch schon zu zweit, zu dritt und auch zu viert möglich. Und dies nicht in großen Auditorien. Dazu reichen auch schon kleinere Gemächer wie am Dienstag zum Beispiel der Brahmssaal.

So erklang in diesem wohlklanggetränkten Raum schon vor 125 Jahren erstmals ein Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello, das Johannes Brahms zwanzig Jahre zuvor konzipiert und erst zwei Jahrzehnte später fertig gestellt hatte. Und es ist schwer vorstellbar, dass dieses Werk - bei allem Respekt vor der damaligen, hoch kultivierten Kammermusiktradition - mit größeren Gefühlsexplosionen gezündet, mit tieferer Innigkeit nachgesungen und trotz allem mit mehr virtuoser Brillanz gestaltet worden sein könnte als durch das Team, das Dienstag zugange war.

Allein schon die emotionale Eintracht, die zwischen der Geigerin Janine Jansen und dem in diesem Werk als Bratschist wirkenden Julian Rachlin herrschte, garantierte die hinreißende Intensität der Wiedergabe. Rachlin wirkte überdies wie ein Brückenkopf, über den sich auch Franz Bartolomey mit seinem Cellopart ebenbürtig einklinkte.

Als Interpret des Klavierparts war ursprünglich der gegenwärtig korngoldbedingt in Wien weilende Ronald Runnicles vorgesehen. Doch ohne dem linkshändigen Maestro nahe treten zu wollen - es lässt sich schwer vorstellen, dass er Stefan Vladar an solistischer Bravour und kommunikativer Sensibilität übertroffen hätte.

Wes man an diesem Abend im Brahmssaal Zeuge wurde, war allerdings ganz und gar nicht das, was man Wiener Kammermusiktradition nennt. Dazu fehlte allen Interpretationen die - an sich ja nicht unsympathische - ein wenig domestikenhafte Betulichkeit. Alle Mitwirkenden brachten nämlich ihre spezielle musikalische Physiognomie ein, was allen Wiedergaben auf angenehme Weise den Charakter kosmopolitischer Weltläufigkeit verlieh.

Jenseits der Routine

Letztere spiegelte sich auch in der Zusammenstellung des Programmes. Anstelle der üblichen Beschränkung auf ausschließlich eine bestimmte Gattung, wurde es mit Ludwig van Beethovens c-Moll-Trio (op. 9/3) eröffnet und ging dann vor dem Brahms-Quartett in eine kleine Personale für Julius Rachlin über.

An dieser berührte vor allem Johan August Halvorsens Bearbeitung der Passacaglia aus Georg Friedrich Händels g-Moll-Suite (HWV 432) durch die ruhige Noblesse der von Franz Bartolomey am Cello unterstützten Wiedergabe. Doch auch das, schon vom Arrangement her, trotz aller Saitenhexereien weniger überwältigende 14. Capriccio von Nicolò Paganini weckte die von Werk zu Werk sich steigernde Begeisterung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2004)

Von Peter Vujica
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