Über den Buckeln eines Schwielensohlers

20. Dezember 2004, 13:14
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Der Streckenabschnitts­leiter von Gröden spricht über seine Kamelbuckel, die ursprünglich "Känguruh-Sprung" heißen sollten

Gröden - Spektakuläre Abschnitte auf Abfahrtspisten pflegen Namen zu tragen. Die drei Höcker auf der Saslong sollten ursprünglich nach dem sich ausschließlich springend fortbewegenden australischen Vieh Känguru-Sprung heißen. Man diskutierte weiter, und weil man schon bei den fürs Grödnertal exotischen Viechern war, nannte man die Passage Kamelbuckel.

Das hatte sich vor 1980 zugetragen, als Uli Spieß als Erster die ersten beiden Höcker mit einem Satz (ca. 60m weit und in etwa fünf bis sechs Meter vom Boden bis zum Scheitel) überflog. Weltmeister Michael Walchofer fixierte im Vorjahr laut Veranstaltern mit 88 Metern Rekord, sein Luftstand soll dabei zwölf Meter betragen haben. Diese Werte werden jedoch zu Recht stark angezweifelt. Sie sind nach Einschätzungen von Uli Spieß selbst geradezu "vollkommen illusorisch". Im Übrigen ist das zweihöckrige Kamel (Camelus bactrianus), Großfamilienmitglied der Paarhufer, wie alle Kamele ein Schwielensohler.

Buckelchef

Moritz Demetz, einer von drei Streckenabschnittsleitern auf der Saslong, ist für die Kamelbuckel zuständig und darob richtig stolz. "Das ist das begehrteste Stück", sagt er, der seit vier Jahren den Buckelchef mimt, zuvor jahrelang als dessen Assistent fungiert hatte. Seit zehn Jahren steht er bei jeder Abfahrt dort und sieht sie fliegen, erlebte böse und folgenschwere Stürze. Nicht aus dem Kopf bekommt er den Flug eines Deutschen und schildert ihn so: "Es drehte ihn gleich nach dem Absprung auf den Rücken, und er flog mit Blick auf den Langkofel durch die Luft und aufs Kreuz." Der Glückliche kam mit Prellungen davon.

Die Stürze werden aber tendenziell weniger. Schließlich besteht die Arbeit des Moritz Demetz daraus, den Abschnitt unter Wahrung der Spektakularität möglichst sicher zu gestalten. Zunächst bearbeitet der Schneeraupenchef persönlich und naturgemäß maschinell die Hügel, ehe die Modellierung per Hand, sprich Schaufel und Rechen, erfolgt. Schon Anfang der Woche ließen sie "Sternchenfahrer", wie Demetz sagt, über die Buckel brausen. Italienische Nachwuchsrennläufer testeten derart stückweise die Saslong. "Das hat gut funktioniert, aber bei einigen war es sehr knapp, dass die über den zweiten Buckel noch drüberkamen. Aber die Weltcupläufer kommen ja viel schneller dorthin."

Ziel: Kompaktheit

"So mit 130 km/h", sagt Österreichs Abfahrtstrainer Walter Hubmann, der nicht nur, aber auch das Skifliegen emsig üben lässt. Zielsetzung: Körperschwerpunkt vorne, mit dem Gelände mitgehen, auf die Aerodynamik achten, also in kompakter Position fliegen. Prinzipiell ist ein Sprung möglichst kurz zu halten, nur ja nicht auf den Kamelbuckeln, denn wenn dort einer zu kurz gerät, landet er auf dem zweiten, und das gibt große Schmerzen. (Benno Zelsacher aus Gröden - DER STANDARD PRINTAUSGABE 16.12. 2004)

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    Pionier Uli Spieß beim ersten Flug über die Buckel.

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