Väter, Mütter und Söhne

30. Dezember 2004, 17:58
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Eine Kolumne von Paul Lendvai

In einer Diktatur oder in einem autoritären System hat man Angst vor der Geheimpolizei, in einer Demokratie westlichen Typs wie Österreich vor dem Finanzamt. Es war vor vielen Jahren, als der Verfasser sozusagen am eigenen Leib diesen Unterschied erfahren und gelernt hat. Damals hat der einstige Flüchtling zu spät erkannt, dass eine der Folgen der Staatsbürgerschaft nicht nur ein nagelneuer Reisepass, sondern auch die Verpflichtung zur Bezahlung der Einkommenssteuer ist. Vor der Zustellung des Pfändungsbescheides gelang es noch rechtzeitig, die Steuerschuld zu begleichen. Nicht alle im Westen haben aber Angst vor der Steuerfahndung oder den Gerichten, wenn sie es sich als Söhne oder Töchter von den Mächtigen über kurz oder lang richten können. Immer wieder bestätigen die Medien die zeitlose Gültigkeit der oft zitierten Feststellung von George Orwell: "Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere."

So geriet dieser Tage selbst der weltweit hoch angesehene UN-Generalsekretär Kofi Annan wegen undurchsichtiger Finanztransaktionen seines Sohnes Kojo in die Schlagzeilen. Es ging um eine Monatspauschale in der Höhe von 2500 US-Dollar, die eine schweizerische Firma dem Sohn Annans bis Anfang 2004 bezahlt hat. Die Firma sollte das "Oil for food"-Programm für den Irak während der Embargo-Jahre kontrollieren. Der Generalsekretär soll aber in dieser heiklen Angelegenheit von seinem Sohn nicht ausreichend informiert gewesen sein. Diese Familienaffäre wird von den rechtskonservativen US-Regierungskreisen ausgenützt, um den unbequemen UN-Chef zum Rücktritt zu zwingen.

Dieser Tage wurde der ältere Sohn Jean-Christophe des verstorbenen langjährigen französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand wegen Steuerhinterziehung von 600.000 Euro zu dreißig Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Als Beauftragter für afrikanische Angelegenheiten der Regierung seines Vaters steht er auch im Mittelpunkt weiterer strafrechtlicher Untersuchungen. Auch die "eiserne Lady", die frühere britische Ministerpräsidentin Margaret Thatcher, hat ein schwarzes Schaf in der Familie. Ihr Sohn Mark ist in eine Waffenschmuggel-bzw. Korruptionsaffäre verwickelt und lebt de facto unter Hausarrest in Kapstadt. Er soll während der Regierungszeit seiner Mutter als eine Art "Superlobbyist" am Rande der Legalität ein Vermögen in Afrika verdient haben. Auch der ältere Sohn des bayrischen Exministerpräsidenten Franz Joseph Strauss wurde wegen einer Korruptionsaffäre verurteilt.

Diese und viele ähnliche Fälle aus der Vergangenheit erinnern an die zynische Feststellung des großen französischen Dichters und Essayisten Paul Valéry : "Macht ohne Missbrauch verliert an Reiz." In turbulenten Zeiten des Macht-und Systemwechsels ist die Versuchung freilich noch viel größer als in einer etablierten Demokratie. Die Rolle der Tochter des russischen Expräsidenten Boris Jelzin beim Aufstieg der inzwischen zum Teil entmachteten Oligarchen in Moskau, das angeblich gigantische Auslandsvermögen des Präsidenten Nasarbajew aus Kasachstan oder der Einfluss des Schwiegersohnes des ukrainischen Staatspräsidenten Leonid Kutschma, der mit 2,5 Milliarden Dollar als zweitreichster Unternehmer der Ukraine gilt - all das werden nur künftige Zeithistoriker erforschen können.

Die grenzüberschreitende Korruption blüht im Zeitalter der Globalisierung, wie das die verdienstvolle internationale Forschungsstelle (Transparency International) in ihren Jahresberichten immer wieder bestätigt. Auch die Familien berühmter Politiker sind gegen diese ansteckende Krankheit nicht immun. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2004)

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