"Arafat wollte nicht, Abbas kann vielleicht nicht"

20. Dezember 2004, 10:19
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Der israelische Sicherheitsexperte Shmuel Bar im STANDARD-Interview: Starke Palästinenserregierung fehlt

Schraubt Israel den Druck in den Palästinensergebieten hinunter, könnte dies der palästinensischen Führung nicht nur helfen, sondern sie gleichzeitig auch gefährden, meint der israelische Sicherheitsexperte Shmuel Bar. Was fehlt, ist eine starke Palästinenserregierung, mit der Israel Abmachungen treffen könnte. Das Gespräch führte Gudrun Harrer.

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STANDARD: Ist der neue PLO- Chef Mahmud Abbas wirklich eine Art palästinensischer Wunderwuzzi?

Bar: Die Sache ist zweischneidig: Yassir Arafat, derjenige, der stark genug gewesen wäre, Konzessionen zu machen, wollte nicht, und diejenige palästinensische Führung, die vielleicht bereit dazu wäre, ist nicht stark und effektiv genug. Man kann ja nicht einmal ein Team von drei, vier Palästinensern zusammenstellen, von dem man sagen kann, sie kontrollieren alle Kräfte in der politischen und militärischen Arena. Israel braucht aber Leute, zu denen es sagen kann: Wir tun das und ihr tut das. Wir Israelis können unsere Versprechungen halten, aber die Palästinenser können das nicht garantieren.

Derjenige, der Kassam-Raketen aus Gaza abfeuert, kümmert sich nicht um denjenigen, der etwas in Ramallah dazu sagt. Und derjenige in Ramallah hat keine Truppe, die stark genug ist, seinen Willen durchzusetzen, denn er ist der Führer einer Koalition, und sein Mann in Gaza regiert wieder durch eine Koalition: eine Koalition, die auf eine Koalition gestützt ist. Und am unteren Ende sitzt ein Warlord mit einer Gang von zwanzig Leuten, die er ernähren muss. Und wie bekommt er die so genannte Zentralregierung dazu, ihm Macht und Geld zu geben? Indem er beweist, dass er das Ganze stören kann, und wie macht er das? Indem er Israel angreift.

STANDARD: Und was hat Marwan Barghuti bekommen, um sich von der Kandidatur zurückzuziehen?

Bar: Barghuti hat mehr Repräsentation im sechsten Fatah-Prozess verlangt: Er wollte, dass man den bewaffneten Kampf auf die Tagesordnung setzt, eine ideologische Diskussion: Früher war es der einzige Weg, um Palästina zu befreien, dann einer der Wege.

STANDARD: Was kann Israel tun, um Mahmud Abbas zu helfen?

Bar: Unser Problem ist, dass wir auf einer Seite eine palästinensische Führung haben, die wir fördern wollen, die aber auf der anderen Seite nicht fähig ist, ihrerseits zu liefern – wir müssen sozusagen die Waren besorgen.

Es wird Druck von allen Seiten auf uns ausgeübt, ihr zu helfen und ihre Position zu stärken und zu diesem Zweck die Sicherheitsmaßnahmen hinunterzuschrauben. Aber wenn wir das tun, lassen wir das Feld offen für die Warlords, die dann wiederum die Macht eben dieser Führung zu reduzieren versuchen, denn je weniger Sicherheitsmaßnahmen, umso stärker werden die Warlords und umso schwächer die palästinensische Führung. Die Welt sagt zu uns: Setzt doch Gesten, macht doch Konzessionen vis-à-vis Mahmud Abbas und Co: Aber das ist nicht nur gefährlich für uns, sondern auch für Mahmud Abbas. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2004)

Zur Person

Shmuel Bar, Historiker, ist Nahostexperte am Institute for Policy and Research in Herzliya, das die jährliche Herzliya-Konferenz veranstaltet. Er hat dreißig Jahre lang für den israelischen Geheimdienst gearbeitet.

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