Das Schweigen des Mahnmals

14. November 2005, 17:52
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Lange und heftig wurde um das Berliner Holocaust-Mahnmals diskutiert, am Mittwoch wurde die letzte Stele gesetzt

Lange und heftig wurden Form und Ort des Berliner Holocaust-Mahnmals diskutiert: Am Mittwoch wurde die letzte Stele der von Peter Eisenman konzipierten Gedächtnisstätte, die erst im Mai vollends fertig gebaut sein wird, gesetzt.


Er möchte "die Psyche des Menschen für das Unbewusste und Verdrängte öffnen", hat der Architekt Peter Eisenman kürzlich in einem Interview gesagt. Am Mittwoch wurde in Berlin die letzte Stele für das Holocaust-Mahnmal gesetzt, das Eisenman entworfen hat. Die Gedenkstätte ist damit nicht fertig, an dem unterirdischen Dokumentationszentrum wird noch gebaut, erst im Mai 2005 soll der ganze Komplex seiner Bestimmung überantwortet werden.

Wenn diese Bestimmung auch niemals eindeutig definiert wurde, so ist sie nun doch nicht mehr zu übersehen: Die Berliner Republik bekommt mit dem Holocaust-Mahnmal ihr gedächtnispolitisches Zentrum. Die räumliche Nähe zum Reichstag und zum Brandenburger Tor stellt nicht nur historische Kontinuität her, sie sorgt auch dafür, dass die Touristen um das fußballfeldgroße Areal nicht herumkommen. So entsteht im Idealfall jener Effekt der Öffnung, den Peter Eisenman sich erhofft.

Er setzt dazu auf eine abstrakte Raumerfahrung, die der von Daniel Libeskinds Jüdischem Museum verwandt ist: Von außen sieht das Holocaust-Mahnmal in erster Linie skulptural aus, ein starkes Zeichen ohne Deutung. In der Begehung erst ermöglicht es jene Kontemplation, die der Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden gerecht werden kann.

In dem Interview mit der Zeit hat Eisenman das Schweigen des Mahnmals mit dem Schweigen eines Psychoanalytikers verglichen, ohne näher darauf einzugehen, welche komplizierten Prozesse er damit insinuiert: Denn in erster Linie werden es Passanten sein, die an der Gedenkstätte vorbeikommen. Viele der "analytischen" Situationen, die Eisenman sich erhofft, werden zufällig entstehen. Menschen aus vielen Ländern stehen dann eigentlich einem Staat gegenüber, der sich in dem Holocaust-Mahnmal mit einer Vorgeschichte identifiziert, von der er sich damit gleichzeitig absetzt.

Es kann dabei nicht mehr um deutsche Schuld und Verantwortung der Nachgeborenen allein gehen. Das Mahnmal bekommt unweigerlich eine menschheitliche Dimension. Die architektonische Form hält dabei die Balance zwischen diesen beiden Formen des Gedenkens: dem persönlichen und dem allgemeinen, das die Republik in Form des Mahnmals gewissermaßen repräsentativ leistet.

Die Stelen, die in unterschiedlicher Höhe, aber mit gleich bleibendem Abstand von 95 Zentimetern zueinander angebracht sind, sind die Sprache des Mahnmals. Es spricht nach außen und schweigt nach innen. Die Entstehungsgeschichte, die bis in die 80er zurückreicht und das wiedervereinigte Deutschland zu einigen Grundsatzdebatten zwang, gehört zu diesem Ort unabdingbar dazu.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2004)

Bert Rebhandl
aus Berlin
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    Berlin, 15. Dezember

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