"Friede ist der Weg"

21. April 2008, 14:27
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Michael Hörtnagl, Friedensdiener in Jerusalem, im E-Mail-Interview über seine Erlebnisse im Krisengebiet und die Arbeit beim Alternative Information Center - Mit Ansichtssache

Das "Alternative Information Center" in Jerusalem fördert Kooperationsvorhaben zwischen Palästinensern und Israelis und nimmt damit eine wichtige Vermittlerrolle im Friedensprozess ein. Der 21-jährige Tiroler Michael Hörtnagl leistet seit 1. Oktober 2004 als Friedensdiener im AIC einen alternativen Zivildienst.

derStandard.at: Warum hast du dich für diese alternative Form des Zivildienstes entschieden?

Michael: Der Friedensdienst schien mir die spannendste Option für meinen "Hoheitsdienst" zu sein. Ebenso ist die Formulierung im Gesetzestext sehr offen gehalten, sodass man sehr viele Tätigkeiten damit verbinden kann. Im P12b ZDG heißt es einfach "Der Dienst kann nur im Rahmen von Vorhaben geleistet werden, die der Erreichung und Sicherung des Friedens im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten dienen". Der nächste Schritt war dann ein Vorhaben bzw. Projekt zu finden, das den Vorstellungen des Gesetzgebers und meiner Wenigkeit entspricht. Dies stellte sich dann als sehr langwierig heraus. Bis ich eine Stelle gefunden hatte und eine finanzielle Förderung vom Auslandsdienstförderverein bekam, vergingen über zwei Jahre, was jedoch wieder den Vorteil hatte, dass ich mit meinem Politikwissenschaftsstudium weiter kam.

derStandard.at: Warum hast du dir gerade das "Alternative Information Center" ausgesucht?

Michael: Während meines Studiums hatte ich mehrere Seminare bei Dr. Adel el Sayed besucht, die sich mit dem Konflikt beschäftigten. Da mich dieses Thema sehr interessiert, werde ich voraussichtlich meine Diplomarbeit über ein Thema, das mit dem Konflikt in Verbindung steht, schreiben. Da ich die Möglichkeit habe, im AIC meine Recherchen mit dem Zivildienst und der Arbeit des AIC zu verbinden schien es mir eine sehr interessante Möglichkeit zu sein.

derStandard.at: Kannst Du diese Organisation kurz beschreiben?

Michael: Das Alternative Information Center (AIC) ist seit der zweiten Intifada eines der letzten gemeinsamen palästinensisch-israelischen Einrichtungen, die Büros in Jerusalem und Beit Sahour (nahe Betlehem) hat. Die politische Situation erschwert die Zusammenarbeit ungemein. Es ist zum Beispiel unseren israelischen Mitarbeitern offiziell nicht gestattet "Area A-Gebiete" (nach Oslo II) zu betreten. Palästinenser dürfen nicht ohne Sondergenehmigung nach (West-) Jerusalem. Für uns "Internationals" sind hingegen keine Mobilitätsbeschränkungen verordnet (abgesehen vom Gaza-Streifen und von militärischen Sperrgebieten), was uns das Erreichen unserer Büros viel einfacher macht, als den Menschen die in diesem Land leben.

derStandard.at: In welcher Sprache spielt sich dein Arbeitsalltag ab?

Die Arbeitssprachen in unserem Büro sind Englisch, Hebräisch und Arabisch. Je nach dem, mit wem man gerade spricht. Meine Kenntnisse waren sehr bescheiden als ich hier ankam, aber dies hat sich sehr schnell geändert, da man auf jeden Fall einige Phrasen Arabisch braucht, um beim Einkaufen nicht den Touristenpreis zu bekommen, und mit den Taxifahrern den Preis zu verhandeln. Jedenfalls habe ich das Glück eine sehr motivierte Mitarbeiterin zu haben, die mir Hebräisch beibringt, und für Arabisch besuche ich einen Sprachkurs in der Betlehem University.

derStandard.at: Was sind deine Aufgabenbereiche, wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Michael: Ich hatte das Glück, hier im AIC eine sehr gutes Arbeitsklima vorzufinden. Die politische Orientierung des AIC spiegelt sich natürlich auch in der Aufgabenverteilung und Organisation wieder, was ich von meinen vorherigen Jobs nicht so gewöhnt war. Jedoch fand ich sehr schnell Bereiche in denen ich mein Wissen einbringen kann. Erste Priorität hat unsere Homepage, die ja als ein zentrales Sprachrohr des AIC dienen sollte. Der Zustand derselbigen ist wirklich schrecklich, da in den letzten zwei Jahren niemand im AIC das nötige Wissen hatte eine HP zu hosten und am aktuellen Stand zu halten. Momentan planen wir einen totalen Relaunch was sich als höchst komplex erweisen hat. Neben dieser Tätigkeit arbeite ich mit einem spanischen Kollegen an einer Sonderausgabe der AIC Zeitschrift "News from Within" über die Präsidentenwahlen am 9. Jänner.

derStandard.at: Wie unterschiedet sich dein Alltag im Vergleich zu einem österreichischen Joballtag?

Michael: Einer der größten Unterscheide im positiven Sinn war für mich die Freiheit, meine Fähigkeiten dort einzubringen, wo meine Interessen liegen. Der größte Nachteil sind die zeitraubenden Trips nach Betlehem bzw. Hebron. Obwohl Betlehem und Ramallah sehr nahe bei Jerusalem liegen, (ca. 20 km Luftlinie) benötigt man mindestens eine Stunde um die Checkpoints zu passieren.

derStandard.at: Was waren bisher deinen eindrücklichsten Erlebnisse?

Michael: Das beeindruckendste Erlebnis für mich war sicherlich das Begräbnis Yasser Arafats in Ramallah. Aber wenn ich über negative Erfahrungen berichten soll, kommt mir als erstes ein Gespräch mit einem Buchhändler in den Sinn. Ich wollte für eine Freundin ein israelisches Kinderbuch besorgen, das mit dem Konflikt zu tun hat, und Kinder über den Konflikt aufklärt. Der Händler schüttelte den Kopf und meinte "we don’t tell them about the conflict. As soon as they turn eighteen they can shoot as many arabs as they want". Wahnsinn!

Aber das Interessante in Israel ist die Vielfältigkeit. Wenn man z.B. am Freitagabend in Tel Aviv am Strand liegt, ist man praktisch in einer anderen Welt. Jugendliche treffen sich, um ein Feuer zu machen, Bongos zu spielen und das Leben ganz einfach zu genießen. Oder an einem Abend ins "Tent" in Betlehem zu gehen, Nagilla zu rauchen und stundenlang Schach zu spielen und die politische Lage zu diskutieren, was nun passieren wird, ob es wirklich ein Neuanfang ist, wie die europäischen Kommentatoren meinen, oder ob es jetzt nicht wieder sehr lange dauern wird bis ein "palestinian leader" die Führungsstärke und das politische Durchsetzungsvermögen aufgebaut hat, um eine von Arafats Dogmen zu überwinden ...

derStandard.at: Wie hat sich deine Lebensperspektive durch die direkte Konfrontation mit diesem langjährigen Konflikt verändert?

Michael: Gute Frage. Was soll ich da schreiben. Vielleicht fange ich so an: Während meines Studiums habe ich sehr viel über die Besatzung, den Konflikt, den Holocaust, die Mauer und die rechtliche Situation für die Palästinenser, das Volk ohne Staat, gelernt. Aber dies alles mitzuerleben, eröffnet einen ganz anderen Zugang. Vor einer 9 Meter hohen Mauer zu stehen (wie z.B. in Abu Dis im Süden von Jerusalem), mit einem 19-jährigen Jugendlichen zu sprechen, dessen Haus aus "Sicherheitsgründen" zerstört wurde, weil ein neues Gebäude der Hebrew University of Jerusalem (die übrigens wie so viele Siedlungen völkerrechtswiedrig auf besetztem Gebiet steht) gebaut wird, oder am French Hill zu einer Bushaltestelle zu kommen, bei der 5 Minuten zuvor eine 16-jährige Selbstmordattentäterin ihren Sprengstoffgürtel gezündet hat ...

Kann es in diesem Konflikt, nach so vielen sinnlosen Toten eigentlich noch einen "Gewinner" geben? Geht es hier eigentlich noch darum, wer im "Recht" ist? Wie soll jemals ein lebensfähiger Staat entstehen, der aus ein paar Enklaven besteht, die von Mauern umgeben sind? Lösen Mauern Probleme, oder schieben sie nur die Lösung eines Problems hinaus? Gibt es eine "Roadmap to Peace"? oder hatte Ghandi Recht, als er schrieb "Es gibt keinen Weg zum Frieden – Friede ist der Weg!"

(mhe)

  • Artikelbild
    foto: hoertnagl
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