Nervenkrieg um gekaperten Linienbus in Athen beendet

17. Dezember 2004, 19:38
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Alle Geiseln frei - Entführer gaben auf - Ultmatum und Drohung Bus in die Luft zu sprengen lief - Motiv: wahrscheinlich Lösegeld

Athen - Nach knapp 19 Stunden ist das Geiseldrama bei Athen in der Nacht auf Donnerstag unblutig zu Ende gegangen. Die beiden Entführer, die am Mittwochmorgen einen Linienbus mit 26 Insassen in ihre Gewalt gebracht hatten, gaben am Donnerstag kurz nach Mitternacht (Ortszeit) auf und ließen ihre letzten sechs Geiseln frei. Noch Stunden zuvor hatten die beiden Täter ein Lösegeld in Höhe von einer Million Euro verlangt und dafür ein Ultimatum bis 08.00 Uhr morgens (07.00 Uhr MEZ) gesetzt. Anderenfalls hatten sie mit der Sprengung des Busses gedroht.

Geiselnehmer warfen Waffen aus dem Bus

Die Angehörigen der Geiseln, die das Drama von einem nahe gelegenen Supermarkt aus verfolgt hatten, stürmten herbei und umarmten die Freigelassenen. Ein schwer bewaffnetes Polizeikommando begann mit der Durchsuchung des Fahrzeugs. Die beiden Geiselnehmer kamen mit erhobenen Händen aus dem Bus, nachdem sie eine Tasche mit ihren Waffen, Granaten und Handfeuerwaffen herausgeworfen hätten. Laut Polizisten sollen die beiden nun im Athener Polizeipräsidium verhört werden.

Polizei: Geiselnehmer hatten keinen Sprengstoff

Die beiden Geiselnehmer haben nach Angaben der Polizei während der Entführung eines Busses bei Athen keinen Sprengstoff bei sich gehabt. Die Täter hätten den Sprengstoffbesitz lediglich vorgetäuscht, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, sagte der griechische Polizeichef Aguelakos.

Ultimatum

Die Entführer forderten zuvor einen Busfahrer sowie eine Million Dollar Lösegeld und stellten dafür ein Ultimatum bis Donnerstag 08.00 Uhr (Ortszeit, 07.00 Uhr MEZ). "Ich werde bis acht Uhr morgen früh auf das Geld und den Fahrer warten", sagte einer der Entführer, der sich Hassan nannte, in einem Telefonat mit dem Fernsehsender Alter TV. "Ich werde niemanden mehr freilassen."

Täter machten eher "verzweifelten" Eindruck

Nach Einschätzung einer griechischen Terrorismusspezialistin sind die Täter keine "Terroristen oder Mitglieder des organisierten Verbrechens." Sie machten eher einen "verzweifelten" Eindruck.

Ziel war Albanien

Obwohl einer der Geiselnehmer am Mittwoch einen Flug nach Russland gefordert hatte, sei das eigentliche Ziel Albanien gewesen. "Sie haben uns gesagt, dass sie zum Flughafen wollten, um ihre Spuren zu verwischen", erklärte Angelakos. Die beiden Albaner lebten bereits seit mindestens sechs Jahren in Griechenland.

Minister lobte Beamte

Der Minister für öffentliche Ordnung, Giorgos Voulgarakis, lobte das erfolgreiche Vorgehen der Polizei. Die Sicherheitskräfte in Athen wurden vor den Olympischen Spielen besonders für solche Einsätze geschult. Außerdem rief der Minister die griechische Bevölkerung am Donnerstag auf, ihren Ärger über die Entführung nicht an den mehreren hunderttausend albanischen Einwanderern auszulassen: "Wir sind eine offene und demokratische Gesellschaft, die keine Unterschiede kennt und niemanden diskriminiert."

Beziehungen zwischen Ländern angespannt

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind angespannt, unter anderem, weil viele Griechen Albaner für kriminell halten; umgekehrt beklagen sich Immigranten immer wieder über Rassismus. Im September kam bei Ausschreitungen nach dem Qualifikationsspiel zur Fußball-WM zwischen Albanien und Griechenland ein Albaner ums Leben. Mehrere Dutzend Personen wurden verletzt. Albanien hatte das Match gegen den Favoriten mit 2:1 gewonnen.

Fahrer gelang die Flucht

Das Geiseldrama hielt Griechenland in Atem. Zwei Männer, bewaffnet mit einem Karabiner sowie einer Pistole, hatten um 5.50 Uhr morgens etwa 15 Kilometer außerhalb von Athen einen von Marathon aus gestarteten Linienbus mit 29 Passagieren in ihre Gewalt gebracht. Dem Fahrer, der kurz nach dem Kidnapping beim Ort Pikermi den Bus zum Stehen brachte, sowie dem Schaffner und einer Frau gelang die Flucht.

Als sich ein Streifenwagen der nächstgelegenen Polizeistation dem Bus näherte, kam es zu einem Schusswechsel. Augenzeugen berichteten, mehrmals seien Schüsse zu hören gewesen, die offenbar der Einschüchterung der Geiseln dienen sollten. Es gab aber keine Hinweise auf Verletzte.

Stundenlange Verhandlungen

Der Tatort wurde von Polizeifahrzeugen abgesperrt, an zahlreichen Punkten wurden Scharfschützen postiert. Im Ausland geschulten Kräften der griechischen Sicherheitsbehörden gelang es danach in stundenlangen Verhandlungen mit den Entführern, die Freilassung von zehn Geiseln zu erreichen.

Unklarheit über Motive

Über Herkunft und Motive der Täter bestand lange Unklarheit. Anfänglich hielt man sie für Russen, danach verdichteten sich jedoch die Hinweise, dass es sich um albanische Staatsbürger handelte; verstärkt wurde diese Annahme durch die Präsenz des albanischen Botschafters, der auch in die Verhandlungen mit den Geiselnehmern involviert war. Meldungen in den Nachmittagsstunden sprachen davon, dass mithilfe der albanischen Polizei einer der Täter bereits identifiziert werden konnte.

Eine Million Lösegeld

Die Entführer forderten die Bereitstellung eines Busses, der sie zum Athener Flughafen bringen sollte, von wo aus sie nach Russland ausgeflogen werden wollten. Später verlangten sie zusätzlich eine Million Euro Lösegeld.

Beunruhigt wurden die Behörden durch die Tatsache, dass die Täter eine Tasche mit sich führten, wobei nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sich darin auch Sprengkörper befanden. Mittels Spezialgeräten, die angesichts der kommenden Olympischen Spiele im vergangenen August angeschafft worden waren, konnte dieser Verdacht jedoch ausgeräumt werden.

Die Polizei geht davon aus, dass die Täter die Entführung des Busses geplant hatten und es sich um keine "spontane" Aktion handelt. Möglicherweise stehen die Kidnapper mit dem Gesetz in Konflikt und streuten bewusst falsche Informationen, um die Behörden über ihre Herkunft in die Irre zu führen. (APA/Reuters/ Robert Stadler aus Athen, DER STANDARD Printausgabe 16.12.2004)

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    Eine freigelassene Geisel beim Verlassen des Busses.

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    Bewaffnete Spezialeinheit der Polizei umstellt den Bus.

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