Lichtquellen der Inspiration

17. Dezember 2004, 22:01
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"Modus Operandi" bei Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Wien - Ein Computer liest aus einem Roman von Pier Paolo Pasolini, übersetzt das Gelesene und wirft es als leuchtende Morsezeichen an die Wand. Cerith Wyn Evans' Arbeit lässt verschiedene Zeichensysteme ineinander gleiten und miteinander existieren. Sie feiern einen epistemologischen Anarchismus im besten Sinn. Die Installation ist Bestandteil der Schau Modus Operandi bei Thyssen-Bornemisza Art Contemporary.

Die Schau zeigt Arbeiten aus der Sammlung Francesca von Habsburgs, die sich allesamt mit naturwissenschaftlichen Modellen als Quelle für künstlerische Inspiration beschäftigen: Modelle des Verbergens, der Verschiedenheit und der Transfomation. Matthew Ritchies Essential Diagramms geben sich als Scribbles, als Aufforderung zur fortdauernden Neukonfiguration.

Carsten Höllers Mobile Phi basiert auf einem Phänomen, das 1912 vom Gestaltpsychologen Max Wertheimer entdeckt wurde: Werden zwei Punkte in rascher Folge nebeneinander projiziert, sieht der Betrachter einen imaginären Ball zwischen den beiden hin und her wandern.

Zum einen thematisiert Modus Operandi die Verwissenschaftlichung der Gesellschaft. Und fraglos ist ein Überdenken der Kompetenzen kulturwissenschaftlicher und künstlerischer Praxen sinnvoll und nötig.

Zum anderen - und das ist ihre große Qualität - geht es um ein Infragestellen aller, stets zur Vereinfachung neigender Modelle für den Umgang mit Welt. Auch die Naturwissenschaften bieten, wie man spätestens seit Paul Feyerabend weiß, nur einige von vielen Modellen, die Welt in den Griff zu kriegen, sie fassbar und erklärbar zu machen.

Feyerabend kritisierte die Wissenschaft als Ideologie ihrer (unbewussten) Voraussetzungen, welche die soziale Realität strukturieren.

Tatsachen werden durch eine Theorie, ein bestimmtes Erkenntnisinteresse und durch Internalisierung ideell perzipiert. Gipfelnd im Ausspruch "Anything goes" sah Feyerabend Wissenschaft, neben Religion oder Kunst, nur als eine von vielen Möglichkeiten, Erkenntnis zu gewinnen. Eine Wertigkeit verschiedener Zugänge zur Wahrheit war nach Feyerabend nicht möglich.

Die Arbeit von Janet Cardiff und Georges Bures Miller scheint darauf zu verweisen. Telephone, besteht aus einem aufgezeichneten Telefongespräch zwischen der Künstlerin und einem Wissenschaftler über die Beschaffenheit von Zeit und Raum. Aus der Sicht des Wissenschaftlers ist die Trennung von Zeit und Raum ein gängiges theoretisches Paradigma.

Dies steht im Gegensatz zur traditionellen A-priori-Weltsicht von und nach Kant. Wissenschaft und Kunst werden hier zu gleichsam gleichberechtigten Partnern: beide den Formen der medialen Kommunikation unterworfen. (Franz Niegelhell/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 12. 2004)

Bis 12. Februar
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