Tote Körper tanzen anders

20. Dezember 2004, 19:49
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Aus der Tiefe der US-Provinz trägt das Quintett The Faint derzeit die New Wave der frühen 80er-Jahre zurück in die Herzen der Jugend

... wenn man sich nicht an das erinnern kann, was man eigentlich längst vergessen wollte, funktioniert das ganz hervorragend.

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Wien - Seine düsteren und dem Grundtenor der verwaschenen Parole verhafteten Texte handeln von der nicht ganz neuen Beziehung von "Sex und Massenkonsum". Und auch sonst singt Todd Baechle mit der Unterstützung seiner im Deutschen als "Schwächlinge" oder "Schlappschwänze" gehandelten Band The Faint aus der US-amerikanischen Grüßgott-Provinz Omaha von jenen Dingen, die uns schon in den frühen 80er-Jahren in der Hochblüte der New Wave gehörig am scharf gezogenen Seitenscheitel immer wieder leider, aber egal vorbeigingen:

"I disappear, I lost control, my body's moving, on it's own." Bei der hoch verehrten Wiener Band Chuzpe hat das damals geheißen: "Tote Körper tanzen anders."

Ausweglosigkeit, Verzweiflung, elektronisch erzeugte Marschrhythmen im Sinne des im Wesentlichen schon vor den 80er-Jahren verbrauchten literarischen Bildes vom Menschen als mit Fäden dirigierte Marionette, Entfremdung, Computerstaat, bla bla bla. Schließlich: Paranoia. Immerhin stand 1984 damals noch bevor. Ein Song von The Faint aus dem jetzt im Herbst erschienenen neuen Album Wet From Birth (Vertrieb: Ixthuluh) titelt tatsächlich Paranoiattack.

Wie man im Wiener Flex beim Österreich-Debüt des Quintetts sehen und hören konnte, werden hier zwar alle diesbezüglichen Vorurteile gegenüber einem nun auch schon wieder länger grassierenden Revival der Neuen Welle einerseits vollinhaltlich bestätigt. Immerhin kann noch jeder junge Songwriter vor seiner Zynisch- und Thirtysomething-Werdung davon schreiben, dass es kalt in ihm sei, er am liebsten verschwinden wolle und überhaupt besser gar nicht geboren worden wäre.

Allerdings schaffen es Todd Baechle und The Faint andererseits trotzdem, bei ihrem Konzert im Wiener Flex das junge und auf historische Querverweise gar nicht so scharfe Publikum mitzureißen. Bitte keine Geschichten, Atempause wird gemacht!

Wir hören zackige Vierviertelrhythmen am Schlagzeug und in der Magengrube bohrende und nagende, auf alle Fälle monotone und herzlich herzlos wirkende Sequencer-Bassläufe im Oktavschritt. Dazu werden beherzt auf den Saiten kurz von unten nach oben Akkorde gerissen, die man aus der Schule von mehr dem Hochland Kolumbiens als den Wiesen und Auen Jamaikas verpflichteten Rastafari-Punks kennt. London Calling und all das.

Von hinten schleichen sich zu manchmal gar sehr greinenden Bekennergeigen oder abgedämpften Funk-Gitarrenmotiven aus der früheren Hochzeit der New Yorker Disco-Sause im Sinne von Chic und Songs wie Le Freak forsche und zukünftige Alternative-Rock-Dancefloor-Klassiker wie Desperate Guys, Erection, das zitierte I Disappear oder das hübsch im gebrochenen Deutsch von eins bis acht eingebrüllte Drop Kick The Punks ein.

Wie auch schon in den 80er-Jahren üblich, werden dazu im Bühnenhintergrund Filme aus dem Sendebereich "Information Overkill" abgespielt (Umweltkatastrophen, Flugzeugabstürze, Marilyn Monroe, Monstertrucks . . .), während Todd Baechle sich vorne am Mikrofonständer trotz tonloser und oft mit Vocoder verzerrter Sprechgesangsstimme die Seele aus dem Leib renkt.

Gegen Ende ertönt eine Coverversion des Talking-Heads-Haderns Psycho Killer. Noch vor fünf Jahren hätte man sich all diese stilistischen Frechheiten und Zumutungen nicht getraut. Aber feinsinnig-grobschlächtige Bauernbuben aus Omaha ticken offenbar anders. Tolles Konzert! (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 12. 2004)

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