Pekings "strahlende" Fehlplanung

15. Dezember 2004, 19:34
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Das Dach des neuen Nationaltheaters in Peking reflektiert das Sonnenlicht so stark, dass es auch Verkehrsteilnehmer gefährlich blendet

Das kugelförmige, gigantische Nationaltheater im Zentrum Pekings, 212 Meter lang und 143 Meter breit, das der Volksmund nach seinem Architekten Paul Andreu das "französische Ei" getauft hat, erweist sich nicht nur wegen seiner bombastischen Form als Fehlplanung. Eine Gruppe Volksdeputierte inspizierte nun die 46 Meter hohe Kuppe und stellte fest, dass die mit Aluminium und Titanzink verkleidete Hülle im Sommer wie "eine zweite Sonne" strahlen würde. Die Reflexion blende die Umgebung, von den Verkehrsteilnehmern bis zu den Anwohnern. "An diese Umweltbelastung hat man bei der Konstruktion nicht gedacht", zitierte die Tageszeitung China Times den Leiter des Projektbüros, Wan Siquan. Witzbolde schlugen im Internet vor, beim Ticketkauf Sonnenbrillen gleich mitzuliefern.

Das nächste Problem ist der Preis. Die (umgerechnet) vorgegebenen 268 Millionen Euro für den von Chinas einstigem Spitzenpolitiker Jiang Zemin politisch durchgesetzten Prestigebau reichen nicht aus. Für den Fertigbau fehlen mindestens 20 Millionen Euro.

Proteste

Unklar ist wie das Theater gemanagt werden soll. Der Staat will sich keinen subventionierten Kulturbau leisten. Bei einer kommerziellen Bewirtschaftung aber könnten sich die meisten Pekinger die Eintrittspreise nicht leisten.

Zuletzt war das Theater im Mai ins Gerede gekommen - nach dem Einsturz des ebenfalls von Andreu entworfenen Pariser Flughafenterminals 2E. Zehntausende sorgten sich damals online, ob auch das für 5500 Besucher ausgelegte Nationaltheater zusammenklappen könnte. Von Anfang an hatten sich chinesische Stadtplaner, Architekten und Wissenschafter gegen die "bauliche Zumutung" direkt gegenüber dem Kaiserpalast zur Wehr gesetzt.

Trotz der Proteste soll der Bau im Sommer 2006 eingeweiht werden. Bis dahin gibt es auch eine Lösung gegen die Reflexion, versprechen die Baumeister. Sie wollen rasch und hoch wachsende Bäume anpflanzen, die einen Teil der Strahlung auffangen. Ungewollter Nebeneffekt: Vorbeifahrende sehen dann auch das Theater nicht mehr. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD; Printausgabe, 15.12.2004)

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