Lernlust im leistungsfreien Raum

14. Dezember 2004, 18:46
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Pisa 2 testet zwar die Kompetenzen von 15- und 16-jährigen Schülern, sagt aber vor allem etwas über die Lernjahre davor aus. Experten leiten aus den Ergebnissen einen dringenden Bedarf an mehr vorschulischer Förderung und Unterstützung ab

Wien - Wann wird der Grundstein gelegt für das, was das Programme for International Student Assessment (Pisa) bei 15- und 16-jährigen Schülern abfragt? In der Volks- und Hauptschule oder AHS-Unterstufe? Oder schon früher - im Kindergarten? Ein wesentlicher Schlüssel, der die Bildungszimmer für ein Kind aufschließt, liegt unumstritten vor dem Schuleintritt. Darüber sind sich Experten einig. Pisa 2 zeige, dass frühere und bedürfnisgerechtere Förderung notwendig sei.

Die sprachlichen Kompetenzen nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Entwicklungspsychologin Pia Deimann von der Uni Wien, die auch den Forschungskindergarten leitet, hat jüngst eine Studie über Kinder aus serbokroatischen Familien gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass die Migrantenkinder im nicht sprachlichen Bereich gleich abgeschnitten haben wie Kinder mit deutscher Muttersprache, "aber im sprachlichen Bereich waren die Zuwandererkinder auch in der eigenen Sprache schlechter", so Pia Deimann im STANDARD-Gespräch. Sie beherrschten keine Sprache wirklich gut.

Um gegenzusteuern müssten, so Deimann, in der "Bildungseinrichtung" Kindergarten "vielfältige Anregungen im leistungsfreien Raum geboten werden, um die Lust am Lernen zu wecken. Inhalte wie Lesen vorverlegen bringt keinen Effekt. Die Kinder müssen Freude haben." Das erfordere kleinere Gruppen (20 Kinder), mehr gesellschaftliche Anerkennung für Kindergartenpädagoginnen "als Menschen, die Bildung vermitteln" und mehr Ressourcen, sei also "personal- und geldintensiv".

Generell sei es notwendig, so Deimann, "dass wir im vorschulischen Bereich eine sozial gerechtere Ausgangsposition schaffen. Wir brauchen mehr kompensatorische Unterstützungsangebote für Kinder, die in ihrem familiären Sozialumfeld nicht so gute Voraussetzungen und weniger Möglichkeiten haben." Pisa 2 kritisiert, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten im österreichischen Schulsystem benachteiligt sind.

Auch Christiane Spiel, Mitglied der Zukunftskommission, sagt: "Wir müssen sicherstellen, dass die Kinder, wenn sie in die Schule kommen, alle Voraussetzungen haben, die sie brauchen." Vor allem Kinder mit "leichten Risiken" seien durch die neuen schulischen und sozialen Anforderungen beim Schuleintritt schneller überfordert. Ein Jahr vor Schulbeginn sei ein sinnvoller Zeitrahmen, um präventive Nachförderung der Kinder zu betreiben.

"Wenn der Kindergarten für die Politik als Aushängeschild eine Bildungseinrichtung ist, muss er endlich auch eine politische Angelegenheit sein und in einen Bildungsplan einbezogen werden", fordert Raphaela Keller vom Dachverband der Kindergartenpädagoginnen, der bereits einen Entwurf für ein Bundesrahmengesetz zur Qualitätssicherung in Kindergärten erarbeitet hat. Der Dachverband der Pflichtschulelternvereine fordert "zumindest ein Kindergartenjahr für möglichst alle Kinder vor dem Schuleintritt".

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 15.12.2004)

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