Abschied auf Raten

8. Februar 2005, 16:08
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Nur wenn sich Gruber als Aufsichtsratschef zurücknimmt und andere arbeiten lässt, wird er sich seinen guten Ruf bewahren können

Manche können es nicht lassen. Wie kaum ein Zweiter hat es Rudolf Gruber, Langzeitchef der EVN, verstanden, politische Netzwerke zu bedienen. Kein Zufall also, dass er sich Jahrzehnte an der Spitze des niederösterreichischen Energieversorgers halten konnte. Unbedingte Loyalität fordert er nicht nur von anderen. Auch er ist seinem Herrn und Meister gegenüber, dem Landeshauptmann von Niederösterreich, zutiefst loyal. Das Land hält schließlich die Mehrheit an der EVN.

Networking ist eine Sache. Inzwischen sind aber zusätzliche Qualitäten gefordert. Die Strommarktliberalisierung hat eine Dynamik ausgelöst, mit der viele ältere Semester offenbar nicht mehr mitkommen. Insofern ist es gut, dass Gruber seinen Sessel räumt. Das kommt auch der Politik gelegen, weil Gerüchte um einen Wechsel von Exinnenminister Strasser dorthin verstummen werden. Eine Hypothek für die EVN aber ist, dass sich Gruber nicht zur Gänze zurückzieht, sondern als Oberaufpasser bleibt. Wenn jemand 37 Jahre ein Unternehmen geleitet und es zu dem gemacht hat, was es ist, ist die Versuchung naturgemäß groß, auch als "Stromgreis" den "Obergscheitl" zu spielen.

Der Nachfolger braucht freie Hand

Das kann der Nachfolger, wer immer es sein wird, am wenigsten brauchen. Ihm muss, wenn auch in Abstimmung mit Aufsichtsrat und Mehrheitseigentümer, freie Hand gelassen werden bei der Neuausrichtung des Unternehmens. Wichtige Weichenstellungen sind bereits erfolgt - etwa die Expansion in den dynamisch wachsenden Strommarkt Bulgarien. Andere strategische Entscheidungen wie die von Gruber massiv propagierte Österreichische Stromlösung hat gerade heftigen Gegenwind.

Nur wenn es Gruber gelingt, über seinen Schatten zu springen, sich zurückzunehmen und andere arbeiten zu lassen, wird er sich seinen guten Ruf bewahren können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2004)

Von Günther Strobl
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