Auktion auf russische Art

16. Dezember 2004, 20:20
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Am Sonntag wird Yukos zerschlagen. Die Hauptfördertochter Yuganskneftegas wird erwartungsgemäß an Gaspromneft gehen. Mehrheitsaktionäre wollen klagen

"Auf Wiedersehen, Yukos", so am Dienstag in Moskau das Motto der Pressekonferenz einiger Politologen und Menschenrechtler. Am kommenden Sonntag nämlich erreicht die Causa um den Ölkonzern Yukos ihren Höhepunkt. Die russischen Behörden versteigern 76,79 Prozent der Anteile an der Yukos-Tochter Yuganskneftegas (YNG), die mit mehr als einer Million Barrel Tagesproduktion 62 Prozent des Yukos-Öls fördert.

Mit der Zwangsversteigerung sollen die erhobenen Steuerschulden des Konzerns, die sich auf angeblich rund 27 Milliarden Dollar belaufen, teilweise beglichen werden. Es gilt als ausgemacht, dass Gaspromneft den Zuschlag erhält. Gaspromneft ist ein kürzlich gegründetes Gemeinschaftsunternehmen zwischen der staatlichen Ölfirma Rosneft, dessen Aufsichtsratsvorsitz im Juli Putin-Intimus Igor Setschin übernahm, und dem de facto staatlichen Gasmonopolisten Gasprom. So wird ein wichtiger Teil der Rohstoffförderung unter Staatskontrolle zurückkehren und ein staatlicher Energiemulti aufgebaut.

Letztlich wird Europa mehr von Gasprom, die die russlandfreundlichen Wahlagitationen in der Ukraine mitfinanzierte, abhängig, denn Gasprom wird künftig auch für fast zehn Prozent des gesamten europäischen Ölverbrauchs aufkommen.

Yukos wird nach einem über einjährigen Tauziehen zwischen den Mehrheitsaktionären der Groupe Menatep rund um den inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowski (61 Prozent der Aktien) und den Behörden zerschlagen.

Internationale Klagen angedroht

Auch weil die Zwangsversteigerung insofern illegal ist, als nach russischem Insolvenzrecht die Kernproduktionseinheiten erst als letzte verkauft werden dürfen, geht Menatep mit Anzeigen in westlichen Zeitungen nochmals in die Offensive und droht den Käufern und allen, die den Kauf unterstützen, internationale Klagen an.

Für die Steuerschulden, die zur Auktion führten, gebe es keine gesetzliche Basis. Menatep will vor allem auf ein Bankenkonsortium Druck ausüben, das unter der Führung der Deutschen Bank Gasprom einen Kredit von zehn Milliarden Euro für den YNG-Kauf zur Verfügung stellen will. Wie die Antimonopolbehörde am Wochenende bestätigt hat, haben neben Gaspromneft noch zwei Unternehmen ihre Teilnahme an der Auktion angekündigt: ZAO Interkom und First Venture Company.

In Wirklichkeit kommt den beiden No-Names, die Experten ohnehin für mit Gasprom affiliierte Firmen halten, die Rolle von formwahrenden Statisten zu. "Weil de facto keine Auktion stattfindet: von den ernsthaften Anwärtern wollte niemand, und den Chinesen hat man es ausgeredet", so Wladimir Milow vom Institut für Energiepolitik.

Massive Unterbewertung

Als Einstiegspreis für die Versteigerung wurde 246,75 Milliarden Rubel (8,8 Milliarden Dollar) festgesetzt. Experten halten dies für massiv unterbewertet, da Schätzungen YNG auf bis zu 30 Milliarden Dollar bezifferten. Dresdner Kleinwort Wasserstein – auch im Bankenkonsortium für den Gasprom-Kredit – hatte als untersten Wert 10,4 Milliarden Dollar angegeben.

Mit der jetzigen Auktion dürfte sich somit die russische Tradition der Versteigerungen zum Schleuderpreis an vorab festgelegte Käufer fortsetzen. Kritiker des Kreml-Kurses, zu denen auch Wirtschaftsminister German Gref gehört, warnen jetzt vor Kapitalflucht. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2004)

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