"Teile der Reform weder notwendig noch gut"

10. Februar 2005, 18:42
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Ex-ÖH-Vorsitzender Martin Faisst kritisiert im derStandard.at/Uni-Interview den Protest der derzeitigen ÖH: "Würde mich auch aufregen, aber differenzierter"

Bei den ÖH-Wahlen 1999 errang die AktionsGemeinschaft einen weiteren Wahlsieg und Martin Faisst übernahm von seinem Fraktionskollegen Wolfgang Gattringer den ÖH-Vorsitz. Im Jahr 2000 wurde die Große Koalition von der schwarz-blauen Regierung abgelöst, nur wenig später wurden Studiengebühren eingeführt. Die ÖH protestierte, doch ohne Erfolg. Martin Faisst erklärt im Email-Interview mit derStandard.at/Uni, warum er manche Teile des neuen ÖH-Gesetzes für "weder notwendig noch gut" hält und warum er denkt, dass die Arbeit in der ÖH eine sehr wichtige Erfahrung ist.

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derStandard.at/Uni: Du warst selbst Vorsitzender der Bundes-ÖH. Wie hättest Du bzw. die damalige Exekutive reagiert, wenn sie mit der nun vorgeschlagenen ÖH-Reform konfrontiert worden wäre?

Martin Faisst: Das neue Universitätsgesetz hat den Universitäten deutlich mehr Kompetenzen gegeben, daher ist es für mich auch nachvollziehbar, dass die Universitätsvertretungen mehr Möglichkeiten bekommen. Ich halte daher manche Teile der ÖH-Reform für richtig, andere sind meines Erachtens weder notwendig noch gut. Zu letzterem gehört für mich die Abschaffung der Direktwahl der Bundesvertretung. Daher würde ich mich wohl auch aufregen, allerdings differenzierter als es die jetzige ÖH macht.

derStandard.at/Uni: Was spricht denn eigentlich dagegen, die bundesweite Vertretung indirekt zu wählen? Könnte es nicht ein Vorteil sein, wenn die gleichen Fraktionen in Bund und an den Unis in der Mehrheit sind?

Martin Faisst: Es sprechen die gleichen Argumente dagegen, die eine Wahl des Nationalrats durch den Landtag absurd erscheinen lassen. Universitätsvertretungen sind anderes strukturiert, haben andere Aufgaben als die Bundesvertretung und machen andere Herangehensweisen an die Sache notwendig. Ich möchte den Studierenden weiterhin die Möglichkeit geben, sich differenziert entscheiden zu können.

derStandard.at/Uni: Welche Konsequenzen wird die Abschaffung der Direktwahl aus Deiner Sicht für die Bundesvertretung haben?

Martin Faisst: Die Mehrheiten werden anders, das scheint ja auch das Ziel der Reform gewesen zu sein.

derStandard.at/Uni: Wie siehst Du das Verhältnis zwischen Service und Politik in der ÖH?

Martin Faisst: In der Frage, ob Service oder Politik wichtig ist, gab es früher massive Unterschiede zwischen den einzelnen Fraktionen. Mittlerweile ist das anders, die Fraktionen sind zusammengerückt, Studierendenvertretung ist Service und Politik. Große Unterschiede orte ich im Auftreten nach außen. Das ideologische Lager hat in manchen Studierendenvertretungen zu viel Gewicht, das permanente Anschütten System. Das halte ich für kontraproduktiv.

derStandard.at/Uni: Stichwort Sprungbrett ÖH: War es für Deine weitere berufliche Laufbahn hilfreich, dass Du Vorsitzender warst?

Martin Faisst: Ja, denn das Arbeiten in der ÖH hat mich persönlich sehr geprägt. Es gibt wenige Möglichkeiten für junge Menschen in Ausbildung, selbständig zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, Führungserfahrung zu sammeln, die ÖH bietet das.

derStandard.at/Uni: Wenn Du es rückblickend betrachtest: Zahlt es sich aus, sich in der ÖH zu engagieren?

Martin Faisst: Definitiv ja. Siehe vorige Frage.

derStandard.at/Uni: Wie war Euer Verhältnis zur damaligen Bundesregierung? Hast Du Dich als ÖH-Vertreter/in Ernst genommen gefühlt? Wurdet Ihr in Reformen eingebunden, die es während Deiner Amtszeit gab?

Martin Faisst: Mit Ausnahmen der Studiengebühren wurde die ÖH sehr ernst genommen. Ich kann mich etwa an viele Verhandlungsrunden im Ministerium erinnern, in der es etwa um die Verdienstmöglichkeiten von Studierenden gegangen ist. Schlussendlich trug das Ergebnis sehr deutlich die Handschrift der ÖH. Die Bunderegierung tut auch gut daran, die ÖH ernst zu nehmen. Schließlich weiss niemand so gut über die Studierenden Bescheid wie die ÖH.

> > > Zum Interview mit Agnes Berlakovich

Die Fragen stellte Sonja Fercher

derStandard.at/
Uni

wollte wissen, was ehemalige Vorsitzende der Bundes-ÖH über das neue ÖH-Gesetz denken. Per Email standen Martin Faisst (Aktions­Gemeinschaft) und Agnes Berlakovich (VSStÖ) Rede und Antwort.

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    Martin Faißt war von 1999 bis 2001 ÖH-Vorsitzender. Nach Abschluss seines Studiums der Internationalen Betriebswirtschaft war er als Unternehmensberater beschäftigt, seit einem Jahr arbeitet er im Rektorat der WU Wien.

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