Das Hungrigste gewinnt

20. Dezember 2004, 12:16
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Schweizer Forscher wi­derlegt These von Er­pressung und Wettbe­werb beim Kampf junger Schleiereulen um elter­lichen Fütterungsmodus

Bern - Junge Schleiereulen verfügen über diplomatisches Geschick und verhandeln im Nest über die nächste Fütterung durch ihre Eltern. Nicht der stärkste, sondern der hungrigste Vogel wird demnach gefüttert. Der Schweizer Forscher Alexandre Roulin hat damit die bisherigen Hypothesen widerlegt, die von Erpressung und Wettbewerb ausgingen.

Roulin, Förderungsprofessor des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Lausanne, hat das Verhalten der jungen Schleiereulen während siebzig Nächten untersucht, wie der Nationalfonds am Dienstag in Bern mitteilte. In Abwesenheit ihrer Eltern machen die Jungvögel unheimlich viel Lärm und stoßen bis zu 1.800 Schreie pro Nacht aus. Dieses Verhalten sei eine Art Kommunikation zwischen den Jungen über ihren unterschiedlichen Nahrungsbedarf, erklärt der Forscher nun gestützt auf seine Beobachtungen.

Abstimmung der Hungrigen

Weil die Eltern die mitgebrachte Beute, zum Beispiel eine ganze Maus, oft nicht aufteilen können, kann nur ein Junges pro Nahrungslieferung gefüttert werden. Statt bei der Rückkehr der Eltern um die Nahrung zu streiten, informieren sich die jungen Schleiereulen zuvor gegenseitig über das Ausmaß ihres Hungers und damit über ihre Entschlossenheit zum Kampf. Danach lassen sie aber nicht dem stärksten, sondern dem hungrigsten Schnabel den Vorrang. Antrieb für dieses Verhalten sei allerdings nicht Nächstenliebe, sondern Wirtschaftlichkeit. Denn der Energieaufwand für die Verhandlungen sei geringer als die Kosten eines erbitterten Kampfes um Nahrung.

Erpresser-Hypothese

Die Hypothesen des Lausanner Forschers widersprechen früheren Arbeiten über den Wettstreit zwischen den Jungtieren. In den siebziger Jahren versuchten Forscher zu ergründen, weshalb im Nest jeweils so heftige Aufregung ausbrach, sobald die Eltern zurückkehrten. Eine der Hypothesen ging davon aus, dass die Jungvögel ihre Eltern erpressen wollten: "Wenn Du mir nicht genug Futter bringst, dann schreie ich so lange, bis ich vom Räuber gefressen werde!" Eine zweite Hypothese ging von einem harten Wettbewerb zwischen den Jungvögeln aus: Wer am meisten Hunger hat, schreit am lautesten und wird zuerst gefüttert. (APA)

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    Schleiereule mit Beute

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