Mullah Omars Sicherheitschef gefasst

16. Dezember 2004, 16:59
posten

Durchbruch bei der Fahndung nach flüchtigem Talibanchef: Toor Mullah Nakibullah Chan auf dem Weg nach Kandahar verhaftet

Kandahar - Afghanische Sicherheitskräfte haben den persönlichen Sicherheitschef des flüchtigen Taliban-Chefs Mullah Omar gefasst. Der Mann sei in einem Bus auf dem Weg nach Kandahar festgenommen worden, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag aus Sicherheitskreisen in der südafghanischen Stadt. Die Festnahme von Toor Mullah Nakibullah Chan gilt als Durchbruch bei der Fahndung nach Mullah Omar.

Chan sei unbewaffnet gewesen, als er am Montagabend zusammen mit einem weiteren Kommandanten der radikal-islamischen Taliban gestellt wurden. Der entscheidende Hinweis sei von aus dem Umfeld der Taliban gekommen.

Afghanische Polizei bestätigt Festnahme

Wie die Polizei am Dienstag bestätigte, fassten die afghanischen Sicherheitskräfte drei Jahre nach dem Sturz der Taliban in der Provinz Kandahar den ehemaligen persönlichen Sicherheitschef des flüchtigen Talibanführers Mullah Mohamed Omar sowie einen weiteren ranghohen Vertreter der fundamentalistischen Miliz. Nach Angaben des örtlichen Polizeichefs Chan Mohamed wurden die beiden Taliban-Kommandanten Mullah Nakibullah Chan und Mullah Kajum Ahangar am Montag früh in einem Lager der Rebellen in der Nähe ihrer früheren Hochburg Kandahar gefasst.

Chan, einst oberster Leibwächter von Mullah Omar, gelte als operativer Kopf der Aufständischen in der Provinz und eines Teils der Nachbarprovinz Urusgan. Ahangar werde für mehrere Anschläge auf Wahlhelfer im Vorfeld der Präsidentenwahl im Oktober verantwortlich gemacht. Bei der Festnahme beschlagnahmte Dokumente geben laut Polizeichef zudem Aufschluss darüber, wie die Taliban in der Region organisiert sind. Sie könnten zu weiteren Festnahmen führen, hieß es.

Ebenfalls in Kandahar fasste der afghanische Geheimdienst einen weiteren mutmaßlichen Taliban-Kämpfer im Besitz von 210 Kilogramm Sprengstoff und Materialien zum Bau von Bomben. Mit seiner Hilfe sei die Festnahme von sechs weiteren Verdächtigen gelungen, die für die meisten Bombenangriffe in Kandahar verantwortlich gewesen sein sollen.

Nach Einschätzung des lokalen Polizeichefs wurden die Taliban in Kandahar durch die Fahndungserfolge erheblich geschwächt. Ob die Festnahme von Mullah Omars früherem Sicherheitschef helfen werde, den einstigen Talibanführer selbst zu fassen, sei allerdings ungewiss. Es wird vermutet, dass er sich ebenso wie der Chef der Al Qaeda (El Kaida), Osama bin Laden, im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan aufhält.

In Kabul verzögert sich unterdessen die Bildung des neuen Kabinetts. Nach Angaben von Karzais Sprecher stehen eine Woche nach der Vereidigung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten alle Entscheidungen zur künftigen Regierung weiter offen. Die Beratungen dauerten an. Nach Angaben eines Vertrauten stemmen sich die alten Kabinettsmitglieder vor allem gegen Karzais Wahlversprechen, bei der Ernennung der neuen Minister strikt auf ihre fachliche Eignung zu achten.

Bei seinem Amtsantritt nach dem Sturz der Taliban hatte Karzai darauf geachtet, Vertreter aller einflussreichen Gruppierungen und Volksstämme in sein Kabinett zu holen. Zu ihnen zählten zahlreiche Kriegsfürsten, die sich in der Folgezeit allen politischen Reformen, vor allem aber dem Kampf gegen den einträglichen Opiumanbau und -schmuggel, widersetzten. Karzais Einfluss reichte deshalb kaum über Kabul hinaus. Dies soll sich nach seinem Willen mit seiner Wahl zum Präsidenten ändern: In seiner Antrittsrede versprach Karzai, entschlossen gegen den Opiumanbau vorzugehen, die Macht der Kriegsfürsten und Provinzgouverneure zu beschneiden und ihre Milizen zu entwaffnen.

Der Regierungsvertreter wies auf ein weiteres Problem bei der Regierungsbildung hin: So schreibe die afghanische Verfassung vor, dass die Minister über höhere Bildung verfügen müssen - eine Voraussetzung, die die meisten namhaften Persönlichkeiten wegen der jahrelangen Kriegs- und Bürgerkriegswirren nicht mitbringen. (APA/Reuters)

Share if you care.