Die Trauerarbeiter

13. Dezember 2004, 20:07
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Korngolds "Die tote Stadt" lebt an der Wiener Staatsoper von sehr anständiger musikalisch-szenischer Qualität und einer grandiosen Angela Denoke

Wien - Kein lustiger Witwer: Paul, im Hauptberuf Trauerarbeiter, hat seine Privaträume zu einem Museum umgestaltet, in dem die Zeit stillstehen soll. Ein Leben nach dem Tod seiner Marie scheint ihm nur als Anbetung von Haarresten und Erinnerungsbildern erträglich. Apathisch ruht er im Fauteuil - den traurigen Blick auf das Bildnis der Verblichenen gerichtet.

Ein wenig erinnern ja große Opernhäuser an diesen Paul. Ihre Gedanken kreisen vorwiegend um die Vergangenheit, die Öffnung zur Gegenwart hin wird eher schüchtern vollzogen. Im Zweifelsfall entscheidet man sich dann doch für die Wiederbelebung einer verflossenen Opernschönheit. Im Falle von Erich Wolfgang Korngolds Toter Stadt macht dies durchaus Sinn.

Geistig gesponsert von Wagner, Strauss, Mussorgski und Puccini, passt dieses opulente und ausdrucksflexible Werk des Eklektizismus in eine Gegenwart des regierenden Stilpluralismus und ist insofern modern, als es Kenntnis vom Unbewussten hat. Zwar wirkt Pauls Trauma- und Konfliktbewältigung durch Träume ein bisschen wie "Freud für besonders Eilige", aber die Figuren bergen ausreichend Potenzial, bieten durchaus Vertiefungsmöglichkeiten.

Regisseur Willy Decker nutzt die Geschichte zu einer eleganten und klaren Erzählung, ohne extrem in den Deutungsspagat zu gehen. Er erweckt die Figuren durch Präzision zum Fin-de-Siècle-Leben und lässt die Welt während Pauls Traum, in dem er die ihn an seine Frau erinnernde Marietta schließlich erwürgt, surreal aus dem Fugen geraten (Ausstattung: Wolfgang Gussmann):

Die Figuren werden verdoppelt. Es tanzen Häuser. Pauls Freund Frank reitet Dächer. Und es wird die Frauenfigur zum zentralen Objekt der Begierde und Lebensgier. Dafür sorgt schon Angela Denoke, hier zweifellos die komplette Sängerdarstellerin. Als kokette Tänzerin mutiert sie in der Traumsequenz zum fordernden Wesen voller Intensität. Bei Denoke, die jede lyrische und dramatische Stelle tadellos meistert, kommt es zur Verschmelzung musikalischer und darstellerischer Mittel, die das ganze Werk mit seltener Unmittelbarkeit aufladen. Eine Glanzleistung.

Die Reflexe

Der Amerikaner Stephen Gould, ab 2007 in der Neuinszenierung von Wagners Ring des Nibelungen Siegfried, wirkt als Paul weitest gehend souverän; die heikle Partie meistert er mit sicherem Gespür fürs Kantable, sein Ton ist schlank und dennoch zumeist tragfähig. Gould zeigt durchaus auch darstellerische Reflexe. Souverän wirkt auch Bo Skovhus (als Frank) - und Daniela Denschlag (als Brigitta) vervollständigt die tadellose Ensembleleistung.

Blieb bei der Salzburger Sommerpremiere das Verhältnis Stimmen/Orchesterklang wegen der heiklen Akustik des Kleinen Festspielhauses unausgewogen, so schaffte es Dirigent Donald Runnicles diesmal, für sängerfreundliche Transparenz zu sorgen (bis auf die Blechbläserpassage des Finales), was bei diesem überbordenden Werk eine starke Leistung bedeutet. Zumal das Orchester auch in puncto Farbfülle nicht zu Askese und Selbstverleugnung Zuflucht griff. So kam es, wie es selten kommt: Applaus für alle, inklusive Regie. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2004)

Von
Ljubisa Tosic

15., 18., 21., 27. und 30. 12.
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    Seltene Verschmelzung zwischen vokalen und darstelle- rischen Mitteln: Angela Denoke (als Marietta) in der "Toten Stadt" von Erich Wolfgang Korngold.

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