"Israel repräsentiert nicht die Juden in der Welt, sondern die Juden in Israel"

15. Dezember 2004, 10:56
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Der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit im STANDARD-Interview über "Israel als Paria" und über die Trennung von jüdischer und israelischer Identität

Standard: Sie sprachen in Wien zum Thema "Israel, einmal Paria, immer Paria". Wieso ist Israel ein Paria?

Daniel Cohn-Bendit: Es geht mir nicht nur um Israel. Die Juden sind potenzielle Parias, immer. Ich zum Beispiel definiere mich als Paria, denn wenn zum Beispiel in Deutschland eine große Debatte über Patriotismus angeht, bin ich dabei außen vor. Israel ist für mich das Ende des Judentums, verstanden als Diaspora. Ich definiere mich selbst als Jude in der Diaspora. Israel ist der Beginn von einer jüdisch-israelischen Identität mit allen Konnotationen der nationalen Identität. Nur ist sie völlig anders zur jüdischen Identität in der Diaspora, und ich wehre mich dagegen, dass Israel in meinem Namen spricht. Israel repräsentiert nicht die Juden in der Welt, sondern die Juden in Israel.

Standard: Sie wollen nicht Geisel im Nahostkonflikt sein?

Daniel Cohn-Bendit: Es geht im Grunde genommen um eine politische Lösung einer sehr vertrackten Situation. Zwei Völker haben Anrecht auf ein Land, und da gibt es nur eine gerechte Lösung und das ist die Teilung dieses Landes in zwei gerechte Teile. Die Geschichte war und ist nie gerecht. Jetzt sind die Juden da, jetzt sind die Palästinenser da, und in dem Sinn muss man versuchen, von dieser ethnischen Auseinandersetzung - hier Juden, da Muslime - wegzudenken. Sondern: hier Israelis und da Palästinenser. Damit hat man die Ebene der politischen Lösung.

Standard: Sie sagen also: Ja, ich bin schon solidarisch mit Israel.

Daniel Cohn-Bendit: Nein, nein, sag ich nicht. Ich habe immer für mich gesagt, ich bin weder Zionist noch Antizionist. Ich bin A-Zionist. Ich verstehe, warum es diesen Staat Israel gab, und gleichzeitig sage ich, aus dieser furchtbaren Tragödie des Holocaust bezieht sich die Legitimation für den Staat Israel, legitimiert aber nicht ein koloniales Handeln, um den Palästinensern einen eigenen Staat zu verunmöglichen. Genauso wie man sagen kann: Der Kampf um den Staat Palästina legitimiert die Palästinenser nicht zu Selbstmordanschlägen.

Der Grundfehler der Palästinenser ist, dass sie nicht verstehen oder verstehen wollen, dass Israel eine Demokratie ist. Das heißt, dass die Selbstregulierungskräfte haben, die mehr oder weniger funktionieren. Aber das sind Kräfte, die es in der palästinensischen Autonomiebehörde gar nicht gibt. Wenn eine Million Palästinenser sich ohne eine Waffe an diese Mauer stellen würden, hält das der Staat Israel nicht aus. Übrigens steht Israel noch eine große innere Auseinandersetzung bevor: Eine laizistische Definition des Staates Israel, denn es ist meiner Meinung nach ein Unding unter demokratischen Vorzeichen, dass man praktisch in Israel zum Beispiel nur religiös heiraten kann. Das ist ein Gottesstaat.

Standard: Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hat in einem Interview gesagt, dass er glaubt, dass die Juden in Deutschland akzeptiert sind. Würden Sie dem beipflichten?

Daniel Cohn-Bendit: Die deutsche Gesellschaft, im Gegensatz zur österreichischen, hat sich wirklich mit der Geschichte auseinander gesetzt. Das muss man einfach bei aller Ablehnung deutscher Gefühlsduselei auch sagen. In der deutschen Gesellschaft ist Antisemitismus unanständig, und das ist gut so. Einfach gut so. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2004)

Das Gespräch führte Hans Rauscher
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    Zur Person:
    Der als "Dany le Rouge" bekannte Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wurde 1945 in Frankreich als Sohn jüdischer Flüchtlinge geboren. 1958 zog es die Familie nach Deutschland zurück. Nach dem Studium in Frankreich arbeitete Cohn-Bendit als Publizist in Frankfurt. Seit 1994 sitzt er im EU-Parlament, zuerst für die französischen, jetzt für die deutschen Grünen.

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