Weiche Steine überlesen

14. Dezember 2004, 18:42
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Lesen ist die zentrale Basiskompetenz. Laut Pisa 2 ist Österreich in diesem Bereich aber signifikant schlechter geworden – weil die Buben so schwach lesen

Wien – Wer Buchstabenreihen korrekt entschlüsseln kann, ist noch lange kein kompetenter Leser. Zum Lesen gehören Verstehen und Sinnerfassen. Das können immer weniger 15- bis 16- Jährige, hat Pisa 2 gezeigt.

"Wir haben das Lesen seit einiger Zeit aus dem Blickfeld verloren", erklärt Karin Landerl, Psychologin an der Universität Salzburg mit Forschungsschwerpunkt Schriftspracherwerb und Legasthenie. "Viele Schüler haben die Lesetechnik in neun Schuljahren nicht ausreichend erlernt. Es mangelt oft an grundsätzlichen Lesekompetenzen. Der Wurm ist viel früher drin. Wir müssen wesentlich früher ansetzen, um die Lesebegeisterung zu fördern", sagt Landerl im Standard-Gespräch.

Im Pisa-Bericht heißt es über die Lesekünste: "Österreich gehört zu jenen sieben OECD-Ländern, deren Lesemittelwerte sich innerhalb von drei Jahren signifikant verschlechterten." Nach Rang 10 bei Pisa 1 rutschte Österreich auf Rang 19 beim Lesen ab. Nur acht Prozent der Schüler gehören zur Spitzenlesegruppe (großteils in AHS und BHS), aber ein Fünftel zur größer gewordenen Risikogruppe (vor allem Polytechnikum und Berufsschulen) deren Lesekompetenz so stark eingeschränkt ist, "dass bezweifelt werden darf, dass sie zum Verstehen alltäglicher, einfacher Texte ausreichend befähigt sind".

Besonders auffällig sind die schlechten Leseleistun gen der Buben, die für den Rückfall auf der Leseleiter verantwortlich sind. Die Mädchen haben ihr Level gehalten. "Das ist ein nicht sehr großer, aber stabiler und signifikanter Unterschied", sagt Landerl, "unter Buben gibt es mehr sehr schwache Leser." Das hängt vielleicht auch damit zusammen, "dass Mädchen auch beim Spracherwerb schneller sind".

Landerl, die bei Pisa 1 die nationale Substudie "Lesegeschwindigkeit" geleitet hat, bei der Grundkompetenzen wie das "Er-Lesen" einfachster Sätze und nicht das Verstehen getestet wurden, plädiert dafür, dass schon im Kindergarten "Vorläuferkompetenzen für das Lesen durch Sprachlautspiele gefördert werden. Das senkt auch das Risiko für eine Leserechtschreibschwäche. Wir müssen auf die Risikokinder schon vorher aufpassen." Zwischen vier und sechs Prozent der Bevölkerung gelten als Legastheniker.

Daher müssten in Volks-, verstärkt aber auch in Hauptschulen, "basale Dinge, Grundfertigkeiten, stärker trainiert werden", fordert die Legasthenie-Expertin. In Salzburg setzt man auf "Lesescreenings", um die Leseflüssigkeit zu testen, Schwächen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern – ohne das oft als demütigend erlebte Lautlesen vor der Klasse.

Die Kinder müssen unverbundene Einzelsätze leise lesen und beurteilen, ob der Inhalt stimmt. Das sind sehr einfache Sätze wie etwa "Steine sind sehr weich". Fehler in der Beurteilung kommen, so Landerl, kaum vor. Aber wenn nur sehr wenige Sätze in der auf drei Minuten beschränkten Lesezeit gelesen werden können, dann sollte ein gezieltes Lesetraining einsetzen.

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 14.12.2004)

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