Dietmar Ecker: "Bauern haben die besten Lobbyisten"

7. Februar 2005, 15:47
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Der Lobbyist sieht im STANDARD-Interview gerade in Österreichs Wirtschaft steigenden Bedarf an Lobbyismus

Lobbyist Dietmar Ecker sieht gerade in Österreichs Wirtschaft steigenden Bedarf an Lobbyismus. Allein am Fall Spielberg zeige sich, was passiert, wenn dieser fehlt, erklärt er im Gespräch mit Renate Graber. Nur die Bauern pushten ihre Interessen schon wie die Profis.

STANDARD: Sie haben einen Lobbying-Verein gegründet und unlängst im Parlament PR für Lobbying gemacht. Dürfen sich Lobbyisten jetzt, wie in Berlin und Brüssel, im Hohen Haus akkreditieren lassen?

Ecker: Wenn wir unseren Führerschein oder Pass beim Portier hinterlegen, dürfen wir schon jetzt ins Parlament. Wir haben dort über den Beruf Lobbyist debattiert, und Nationalratspräsident Andreas Khol hat über Anständigkeit im Lobbyismus vorgetragen.

STANDARD: Wie anständig sind Lobbyisten? Die Beschreibungen reichen von Interessenvertretern bis zu Bestechern.

Lobbyisten sind sehr anständig, zahlen kein Geld, übergeben keine verbotenen Geschenke und sollen sich deklarieren, für wen sie arbeiten. Mit unanständigen Lobbyisten würde ich nicht einmal ins Kaffeehaus gehen.

STANDARD: Wie viele Lobbyisten gibt es denn in Österreich?

Ecker: Schwer zu sagen, nachdem sich jeder Lobbyist nennt, der die Telefonnummer eines Landesrats suchen kann. Aber im Ernst: Es gibt vielleicht 15 sehr gute Lobbyisten, mit Anwälten und Consultants 50.

STANDARD: Lobbying wurde in den USA erfunden, ist in Deutschland und Brüssel sehr ausgeprägt. Warum wird es jetzt in Österreich wichtiger?

Ecker: Der Bedarf wird größer, weil sich die Märkte dramatisch verändern, die Systeme immer komplexer werden. Und es hat politische Gründe, weil unter der schwarz-blauen Regierung die klassischen roten Netzwerke nicht mehr funktionieren. Viele Unternehmer haben Orientierungsprobleme, wissen nicht, wie man mit Politik und Parteien umgeht. Unternehmer brauchen Juristen, Berater und eben Lobbyisten, die wissen, wie man mit Verwaltung und politischen Parteien umgeht.

STANDARD: Was macht dann der Unternehmer noch?

Ecker: Er trifft die Entscheidungen.

STANDARD: Sie arbeiten mit dem steirischen Ex-ÖVP-Landesrat Gerhard Hirschmann. Was können ausrangierte Politiker?

Ecker: Gute Politiker haben ein enormes Wissen, wie das politische System funktioniert, und profunde Analysefähigkeiten. Ich als Sozialdemokrat bin sehr froh, mit Hirschmann gemeinsam ein Unternehmen zu haben. Das Pech der ÖVP ist mein Glück.

STANDARD: In Spielberg droht das Ende des Projekts A1-Ring. Hätte sich Dieter Mateschitz einen Lobbyisten leisten sollen?

Ecker: Im Verhindern sind die Österreicher Weltmeister. Damit genau so etwas wie Spielberg nicht passiert, gibt es uns.

STANDARD: Gesetze oder Umweltauflagen können Lobbyisten aber wohl nicht ändern. Ecker: Nein, aber man muss immer die Risiken und Feinde eines Projekts definieren und einkalkulieren. Das hilft sehr.

STANDARD: Lobbyismus wird gern mit gut entlohnter Mauschelei gleichgesetzt. Zu Recht?

Ecker: Mit Mauschelei hat das nichts zu tun; Lobbyisten und Behörden können nur auf gesetzlicher Basis agieren. Der Lobbyist nützt aber den Interpretationsspielraum der Behörden, das ist sein Kapital.

STANDARD: Ihre moralischen Grenzen?

Ecker: Gibt es. Ich sehe das so: In jeder Gesellschaft gibt es je ein Drittel Trottel, Durchschnitt und Gescheite. Den Durchschnitt muss man mitziehen, mit den Guten zusammenarbeiten. Finger weg von Trotteln, Kriminellen, Stalinisten oder Nazis. Bestimmte Aufträge lehnen wir sowieso ab, etwa wenn ein Unternehmen schlecht gemacht werden soll, damit es filetiert oder billig gekauft werden kann.

STANDARD: Lobbyisten verhelfen zu Gesprächen mit Entscheidungsträgern – ist das nicht zutiefst österreichisch?

Ecker: Ja, das entspricht der Alltagskultur des Landes, in der es darum geht, jemanden zu kennen, der einem etwas billiger gibt oder zu einem Job verhilft. So gesehen gibt es in Österreich nicht nur fast acht Millionen Fußballtrainer, sondern auch acht Millionen Lobbyisten. Ich glaube ja auch, dass Lobbying eher in der österreichischen Monarchie als in der US-Demokratie erfunden wurde. In den Wiener Kaffeehäusern, Salons, Literaturzirkeln: Da hat man die wichtigen Leute getroffen, das waren tolle Lobbyingvereine. Der Unterschied zu uns ist, zynisch gesagt: Wir verkaufen das besser und erledigen höchst komplexe Aufgaben.

STANDARD: selbst Großkonzerne Lobbyisten brauchen: Wie kann sich ein Normalbürger da helfen?

Ecker: Da muss ich eine Lanze für Österreich brechen: Unsere Verwaltung ist EU-Spitze. Kafkaeske Verirrungen prägen den Alltag längst nicht mehr.

STANDARD: Wo in Österreich sehen Sie gelungenes Lobbying?

Ecker: Bei den Notaren, die sich ein völlig neues Image verpasst und im E-Government etabliert haben. Sie haben sich mittels guten Lobbyings die wirtschaftliche Basis für die nächsten 20 Jahre gelegt. Bei den Apothekern steht das noch aus: Wenn die nicht bald etwas tun, sind sie in fünf Jahren vom Markt überrollt.

STANDARD: Ist es nicht ein Armutszeichen für eine Demokratie, dass man teure Lobbyisten braucht, um berechtigte Anliegen durchzubringen?

Ecker: Überhaupt nicht, Lobbyisten tun nichts Undemokratisches, im Gegenteil: Sie sorgen in immer komplexeren Situationen für Aufklärung. Und von wegen teuer: Ein gutes Lobbyingkonzept kostet auch nicht mehr als entsprechende Inserate.

STANDARD: Wer in Österreich hat das beste Lobbying?

Ecker: Raiffeisen, genauer gesagt: die Bauern. Sie werden immer weniger und bekommen immer mehr Geld. Wenn es regnet, bekommen sie Subventionen, weil die Sonne nicht scheint. Und wenn die Sonne scheint, bekommen sie Geld, weil es nicht regnet. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.12.2004)

Zur Person

Der Oberösterreicher Dietmar Ecker, 40, hat 1998 die Fronten von der Politik ins Unternehmertum gewechselt. Der studierte Soziologe und Politikwissenschafter war bis 1994 Pressesprecher von Finanzminister Ferdinand Lacina (SPÖ), als Kommunikationschef der SPÖ hielt es ihn danach nur ein Jahr. 1998 gründete er seine eigene PR- und Lobbyingagentur. Die ausgeprägten Faibles des roten Unternehmers: Kunst, Zigarren, starke Motorräder, schnelle Autos - und Turnierpferde.

Die Fragen stellte Renate Graber.

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