Zeitlupe: Die Zeit nehmen

19. Dezember 2004, 11:43
posten

Schweizerisch gesteuerte Kolonialherrschaft, nette Wegwerfuhren und die Zeit beschäften Johann Skocek diesmal

Die Weihnachtszeit ist eine Insel des zyklischen Fortschritts, sie beschert der Welt jedes Jahr den Auftritt der Sportler mit den winterroten Nasen auf den zwei breiten Kufen. Sie kommen wie der den Christkindlmarkt kolonialisierende Rudolph vom Himmel, allerdings nicht auf einem Schlitten.

Knapp vor der dritten Kerze und Rudolphs Auftritt wurde bekannt, dass Ende Oktober vor dem ersten Skirennen in Sölden die Schweizer Firma Swatch (erzeugt die nettesten Wegwerfuhren der Welt), seit Jahren der Zeitnehmer des Weltcups, für die TV-Werbung nicht mehr zu zahlen gedenkt. Ein Ultimatum ("wir zahlen nix oder wir messen nix") verpuffte, der ÖSV checkte Zeitnehmung und Datensteuerung für die TV-Einblendung in wenigen Tagen selber. Die von Schweizern beherrschte FIS stellte sich nicht etwa hinter ihre Mitglieder, die Verbände, sondern drohte mit der Absage der Rennen in Österreich, falls man Swatch nicht gewähren lasse. Eine hilflos-komische Ansage, die FIS kann Rennen nicht absagen, sie kann bestenfalls die Weltcup-Punkte verweigern. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel baute einen Vertrag mit Siemens, der für die Zeitnehmung der Österreich-Rennen dem ÖSV mehr Geld bringt als die Summe von Swatch.

Das Sein der FIS als (schweizerisch gesteuerte) Kolonialherrschaft des Skirennsports neigt sich nach rund 100 Jahren dem Ende zu. Das Bewusstsein, ein Recht auf Widerspruch und Selbstschutz zu haben, verbreitet sich unaufhaltsam unter den Gefoppten, vom Skihang bis zum Rathausplatz, von Rudolph bis Rumpunsch, sobald es in die Welt getreten ist. Nur die Zeit und die Freiheit darf man sich nicht nehmen lassen, sonst stehlen sie einem die Zeit. (DER STANDARD Printausgabe 13.12.2004)

Share if you care.