Herr Franz, Meister Eder und das wilde Tier

17. Dezember 2004, 10:27
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Was alles geschehen war, ehe Werner Franz die erste Weltcup-Abfahrt seines Lebens gewann

Wer mit der Nummer zwei die Bestzeit ins Tal bringt, pflegt nicht groß zu frohlocken, sondern darauf zu warten, was noch herabkommt vom Berg. Von Läufer zu Läufer wuchs die Rührung des Werner Franz, und als so ungefähr nach einer Stunde auch die Nummer 30, Daron Rahlves, an Franzens Bestmarke scheiterte, war der Kärntner baff, schaute als personifizierte Zufriedenheit breit lächelnd durch die Gegend und ertrug Gratulant um Gratulant.

Franz gewann die erste Saisonabfahrt in Europa genauso überraschend wie Liechtensteins Marco Büchel Zweiter wurde - nur den Dritten, Weltmeister Michael Walchhofer, hatte das Podest erwartet.

Meister und Servicemann

Roland Eder, Servicemann von Blizzard, grinste sich ebenfalls eins im Zielraum, nachdem der Triumph seines Einmannteams Tatsache geworden war. Im Gegensatz zu Franz ist Eder ein Routinier ins Sachen Sieg, aber diesen hatte er auch nicht erwartet. Eder, früher Rennläufer, dann drei Jahre lang stürmender Fußballprofi bei Voest Linz, richtet seit 1987 Rennskier her, sein erster prominenter Kunde war Hans Enn. 1989 wechselte er zu den Damen, gab Petra Kronberger die siegfähigen Geräte, feierte seinen letzten von vielen Erfolgen mit Michaela Dorfmeister beim Super-G anlässlich der WM 2003 in St-Moritz.

Heuer im Sommer wechselte Meister Eder zwecks neuer Herausforderung zum Herrn Franz. Und bei diesem war es höchst ungewiss, ob er überhaupt im Weltcup wirken kann. Erst im Jänner dieses Jahres hatte sich Franz wieder einmal schwer beschädigt, bei einem Trainingssturz auf einer FIS-Abfahrt brach das rechte Schulterblatt des Weißbriachers, zudem rissen die zugehörigen Sehnen.

Neunmal unterm Messer

Es folgte die neunte Operation in der langen Skikarriere des 32-Jährigen, zuvor waren schon im rechten Knie Kreuz- und Seitenband, im linken das Innenband, zweimal die Patellarsehne, die Beugersehne, ein Schienbein, zweimal die rechte Hand und einmal die linke Schulter zu reparieren gewesen. "Skifahren ist mein Leben", sagt Franz, und selten war es so schön wie am Samstag in Val d'Isère. Franz, der 1990 ins Weltcupteam schoss, stand zum ersten Mal allein ganz oben. Einmal, im Jahre 2000 beim Super-G in St. Anton, teilte er den Sieg mit Fritz Strobl, sonst war er Sammler von zweiten Plätzen, von denen er genauso viele zu ertragen hatte wie Operationen.

1993 und in Gröden hat man schon einmal über den Sieger Werner Franz geschrieben, die Geschichte schaffte es allerdings nicht bis in die Druckerei, denn man schrieb sie eiligst um, nachdem Liechtensteins Markus Foser, von dem man nachher nicht mehr viel hören sollte, mit noch höherer Startnummer Franz auf Platz zwei verwiesen hatte.

Wilder Erfolg

"Der Erfolg ist wie ein wildes Tier", hatte Franz einmal anlässlich eines zweiten Platzes erzählt, "wenn du es fangen willst, läuft es davon. Du musst warten. Irgendwann kommt es zu dir." Nun besuchte ihn dieses Tier in seiner 98. Weltcup-Abfahrt. Neben seinem Kampf hat Franz die Tatsache, dass er noch mitspielen darf im Weltcup, auch den Rücktritten von Stefan Eberharter, Hannes Trinkl, Christian Greber und Peter Rzehak sowie der Übersiedlung von Pepi Strobl nach Slowenien zu verdanken.

Nach dem Unfall im Jänner sah sich Franz schon mit dem Karriereende konfrontiert. Der gelernte Zimmermann gesundete, erfuhr von Cheftrainer Toni Giger, dass man ihm noch eine Chance geben werde, zog im Mai mit der Frau und den drei Kindern auf die Möselalm ob Weißbriach, betreute 104 Kühe und die Gastwirtschaft, schleppte das Brennholz, "das andere mit dem Traktor führen", eigenhändig aus dem Wald. Ab Ende Juni verließ er die Alm hin und wieder, um mit Roland Eder auf Gletschern Skier zu testen, im August flog er mit dem ÖSV-Team zum Skifahren nach Neuseeland. Er qualifizierte sich für die Amerika-Tournee, und die zweite Wahl wurde in Lake Louise erst zur ersten, nachdem sich Fritz Strobl am Auge verletzt hatte und passen musste. Franz landete unter "ferner liefen", in Beaver Creek musste er zuschauen, in Val d'Isère durfte er wieder fahren, weil Andreas Schifferer aus dem Team genommen wurde.

Kommenden Samstag fährt Franz in Gröden ab, und diesmal erwartet Eder Großes. (DER STANDARD Printausgabe 13.12.2004)

Benno Zelsacher aus Val d'Isère
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein glücklicher Werner Franz.

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