Essls neue Sexuallockstoffe

17. Dezember 2004, 22:01
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Das Sammlerehepaar Essl zeigt die jüngsten Neuerwerbungen - von "Anselm Kiefer und Zeitgenossen"

Klosterneuburg - Eine Arbeit von Anselm Kiefer steht im Zentrum der jüngsten Neuankäufe der Sammlung Essl in Klosterneuburg. Demgemäß nennt sich die Ausstellung der Ankäufe auch Anselm Kiefer und Zeitgenossen.

Kiefer, nicht ganz zu Unrecht umstrittener Star der zeitgenössischen Kunst, ist nicht nur für seine vielschichtige Auseinandersetzung mit Material und Bildoberflächen bekannt, sondern auch für seine oftmals in monumentale Werke verpackte Reflexion deutscher Geschichte, Naturphilosophie und Mythen. Beide Faktoren bilden den inhaltlichen Fokus für die Auswahl weiterer Neuankäufe, die ebenfalls zu sehen sind.

Kiefers Arbeit Horlogium ("Sternenfall"), ein monumentales Ölbild und zwölf Bleibücher, deren Ankauf den Essls nun nach jahrelangen Gesprächen gelungen ist, bildet das Ende des Gangs durch die Ausstellung. Dieser Gang führt an Werken von Georg Baselitz, Per Kirkeby, Sigmar Polke, Antoni Tàpies, Günter Uecker, Jonathan Meese und Franz West vorbei. So, dass einige schöne Dialoge zwischen den einzelnen Arbeiten und den unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen in der Behandlung von Farbe, Material, Oberfläche und Erzählung entstehen.

Herausragend ist in jedem Fall die Arbeit von Sigmar Polke, der einen experimentellen Umgang mit den Möglichkeiten der Malerei pflegt. Polke hat, im Gegensatz etwa zu Tàpies und Kiefer, Malerei immer als Forschungsobjekt gesehen und ständig das Infragestellen von Traditionen (auch der eigenen) betrieben. Die oft ironische Widersetzung traditioneller Erzählstrukturen im Werk Polkes wird von seinen Bildtiteln verstärkt. Bei seiner Arbeit Für den Dritten Stand bleiben nur noch die Krümel ist es ein transluzider Malgrund, der für inhaltliche Vielschichtigkeit sorgt.

Asketische Reduktion

Eine sehr schöne Arbeit gibt es auch von Anish Kapoor zu sehen: eine kegelartige konkave Scheibe aus bemaltem Aluminium, in der sich der Besucher spiegelt und gleichsam aufgesogen wird. Eine klar definierte Grenze von Bild, Objekt, Farbe und Skulptur gibt es hier nicht. Kapoor arbeitet bewusst nicht mit der Reizüberflutung und dem Einsatz alltäglicher Materialien, sondern mit asketischer Reduzierung auf ästhetische Materialwirkung. Hier scheint gewissermaßen die Metaphysik die Grundlage der Empirie zu werden.

Bei den neueren großformatigen Aquarellen von Georg Baselitz überrascht eine fast schwebende Leichtigkeit. Passenderweise hängen sie neben kleinen Gouachen von Per Kirkeby, der mit zarter Farbsetzung und leerem weißem Malgrund arbeitet. Zu sehen gibt es aber auch die monumentale archaische Präsenz in der Materialverwendung bei der fünfteiligen Arbeit von Antoni Tàpies, Dietari.

Die Verwendung "armer" Materialien - wie bei den Bleibüchern von Kiefer - ist auch für Günter Uecker bezeichnend. Mit Nägeln und Baumstammteilen erzeugt er einen fünfteiligen Wald. Franz West ist mit zwei Papiermaschee-Skulpturen vertreten. Der wesentlich jüngere Jonathan Meese reflektiert die Geschichte auf ganz andere Weise. Zwar sind seine Arbeiten durch verschiedene Versatzstücke und Motive aus der deutschen Geschichte auch sehr narrativ aufgeladen. Aber Bildtitel wie Klingsor's Zauberfestung "Sankt Raubrittertum" oder Der 1. Staatsbiologe: Meine Sexuallockstoffe sind ritterlich und tapfer zeigen schon einen wesentlich anderen, sehr frech-ironischen Zugang zu Geschichte. (Franz Niegelhell/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 12. 2004)

Bis 6. März 2005
  • Herausragend: Sigmar Polkes großformatiges Bild "Für den Dritten Stand bleiben nur noch die Krümel" aus 1997 (Mischtechnik auf Polyestergewebe)
    foto: james cohan gallery/sammlung essl

    Herausragend: Sigmar Polkes großformatiges Bild "Für den Dritten Stand bleiben nur noch die Krümel" aus 1997 (Mischtechnik auf Polyestergewebe)

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