Armer Kálmán - operettungslos verloren

12. Dezember 2004, 19:29
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Die von der Wiener Volksoper versuchte Wiedererweckung von Emmerich Kálmáns "Herzogin von Chicago" ist gründlich misslungen und kein Ruhmesblatt für die Operettenstadt Wien

Wien (?) - Gleich zu Beginn ein ehrlich gemeinter Rat an all die vielen vom Wiener Angebot ohnedies nicht sonderlich verwöhnten Operettenfreunde, den in den Wind zu schlagen für ihr physisches und psychisches Befinden nicht ungefährlich werden könnte: Man betrete die Volksoper für den zu befürchtenden Fall, dass diese Neuproduktion von Emmerich Kálmáns in Text und Musik ohnedies schon schwächelnder Herzogin von Chicago auf deren Repertoire aufscheint, auf keinen Fall vor Ende des ersten Aktes, exakt: nicht vor 21.30 Uhr.

Dann sind zumindest die schlimmsten Phasen dieser Produktion vorüber, und man darf während der Interaktionen der Protagonisten mit einem wirklich charmant gestalteten Zeichentrickfilm sogar ein bisschen lachen, wofür man durch das lähmend schwatzhafte Finale ja alsbald auch wieder bestraft wird. Dabei bleibe nicht unerwähnt, dass Dominik Wilgenbus als Textbearbeiter und für die so genannte Inszenierung Verantwortlicher im Gegensatz zur Uraufführung, die im Theater an der Wien vor 76 Jahren fünf Stunden währte, für die trotz aufwändiger Ausstattung von Alexander Weig und prächtiger Kostüme von Gerlinde Höglhammer Christine Sadjina-Höfer langweilige Ausbreitung der schematischen Handlung nur drei Stunden in Anspruch nimmt.

Der gekaufte Prinz

Da wettet Mary, eine junge New Yorker Millionärin, mit ihren Klubkolleginnen, dass sie sich in Jahresfrist einen europäischen Prinzen als Ehemann kauft. Und dann geht es eben los. Ähnlich wie in der Lustigen Witwe gibt es ein verarmtes Königreich, dessen Erbprinz schließlich in ihren Armen landet. Mitverpackt in diese wenig originelle Geschichte ist so etwas wie der Kampf der Wiener Musik mit dem Jazz.

Pech nur, dass Kálmán zu beidem herzlich wenig eingefallen ist. So kommt auch die Musik gleich dem Text über thematische Hülsen nicht hinaus. Solch Kussgeiz der Musen kann schon einmal passieren und ist höchstens durch schmissige interpretatorische Brillanz auszugleichen. Auf die wartet man in dieser Produktion allerdings vergeblich. Was Karen Kamensek, Musikchefin am renommierten Freiburger Theater, mit dem auf dem Höhepunkt seiner Lustlosigkeit aufspielenden Orchester anbietet, sind nicht mehr als konturarme Andeutungen. Operette dirigieren ist nicht jedermanns/fraus Sache.

Die Kunst, die dieser Musik innewohnenden rhythmischen Möglichkeiten aufzuspüren und bei Beibehaltung der Präzision mit Biss zu realisieren, kann man nicht auf Knopfdruck lernen, man muss dazu einfach geboren sein. Allen an diesem Fanal der Charmelosigkeit Beteiligten wäre eine Exkursion in das hinter dem Naschmarkt liegende Restaurant Beograd nahe zu legen, wo man zwei ungarischen Musikern ablauschen kann, wie man Operette spielt.

Und singt. Norine Burgess in der Titelpartie überzeugt weder stimmlich noch darstellerisch auch nur in einem Augenblick. Obwohl sich alle Beteiligten, darunter sogar so ein komödiantisches Schwergewicht wie Peter Matic gemeinsam mit Renée Schüttengruber, Sándor Németh, Josef Luftensteiner oder Wolfgang Gratschmaier, mit temporärem Erfolg um Spaß bemühen, lässt eigentlich nur Mehrzad Montazeri als gekaufter Prinz durch Tenorglanz einigermaßen aufhorchen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 12. 2004)

  • Peter Matic auf verlorenem Posten: Dass er die "Herzogin von Chicago" (Norine Burgess) auf dem Schoß hat, ist weit weniger schlimm, als dass sie die Wiener Volksoper nun szenisch und musikalisch desolat in ihrem Repertoire hat.
    foto: volksoper

    Peter Matic auf verlorenem Posten: Dass er die "Herzogin von Chicago" (Norine Burgess) auf dem Schoß hat, ist weit weniger schlimm, als dass sie die Wiener Volksoper nun szenisch und musikalisch desolat in ihrem Repertoire hat.

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