"Brasilianischer Zucker schmeckt nach Blut"

23. Februar 2005, 19:00
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Organisationen für Landlose und Landarbeiter kämpfen gegen die zunehmende Ausbreitung von Mega-Landwirtschaftsfirmen

Sao Paulo - "Brasilianischer Zucker schmeckt nach Blut" - Padre Fernando von Pastoral da Terra, einer katholischen Organisation der Landlosen, findet drastische Worte, wenn er über das Schicksal zahlloser Familien im ländlichen Gebiet des Riesenstaates berichtet. Viele Menschen sind im "Kampf" um das fruchtbare Land bei der Ausbreitung der Mega-Landwirtschaftsfirmen getötet oder eingesperrt worden, assistierte Ordensschwester Paini von der Gewerkschaft der Landarbeiter bei einem Hintergrundgespräch mit Umwelt- und Landwirtschaftsminister Josef Pröll (V) und österreichischen Journalisten in Sao Paulo.

Unter dem neuen Präsidenten Luis Ingacio Lula da Silva hätte sich die Lage zwar etwas entspannt, aber die großen Erwartungen in den charismatischen Politiker - vor allem hinsichtlicher einer Agrarreform, die den "Kleinen" wieder Land (zurück)gibt - "sind gestorben", so Paini ernüchtert. Vor knapp 30 Jahren sei Pastoral da Terra gegründet worden, weil die Ausnutzung der brasilianischen Amazonasarbeiter - viele davon Indios - durch die damalige Militärdiktatur und die von ihr gestützten Kapitalisten "fast an die Grenze der Sklaverei geführt" hätten, berichtete Pater Fernando. Heute kämpfe man gegen das "Agribusiness", der sich in Form riesiger Landwirtschaftsbetriebe immer mehr verbreite, Land wegnehme und die Landarbeiter immer noch und immer weiter ausnütze. Löhne würden gedrückt.

Vergiftetes Grundwasser

Zudem werde das Grundwasser durch den Pestizideinsatz verseucht. Gentech-Mais werde mit dem Argument promotet, dass weniger Pflanzenschutzmittel nötig seien. Aber das Saatgut werde "privatisiert". Pater Fernando: "Die Kirche sagt: Saatgut ist das Gut der Menschheit." Daher kämpfe man gegen die Privatisierung der Ressourcen.

Nach Zahlen des Instituts für Agrarreform sind 75 Prozent der bestehenden Ländereien nicht regulär in Besitz genommen worden. Die Initiativen arbeiten in einem zähen Kampf daran, enteigneten oder vertriebenen Bauernfamilien wieder Land zurückzugeben. "In 20 Jahren sind rund 100.000 Familien auf diese Weise wieder angesiedelt worden", so Paini. "Aber 115.000 Familien warten derzeit in Camps auf die Agrarreform, um ebenfalls wieder eigenen Besitz haben zu können." Das Ziel müsse daher weiterhin sein, große Ländereien aufzuteilen, damit den "Kleinen" wieder Land zur Verfügung stehe, ergänzte Pater Fernando.

Druck

Wenig überraschend sind die Organisationen für Landlose und Landarbeiter Druck ausgesetzt. "Der größte Druck kommt von der Wirtschaft, dem kapitalistischen System, oft zusammen mit Städten und Regierungen", so Pater Fernando. "Druck aus dem Vatikan gibt es natürlich auch - aber der Vatikan ist weit weg..."

Die Produktion des "Agribusiness" geht fast ausschließlich in den Export. Die Ordensschwester: "Gleichzeitig leiden 50 Prozent der Brasilianer Hunger oder sind unterernährt." Grundnahrungsmittel müssten importiert werden. (APA)

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