"Das Regime erlebt seine letzten Tage"

14. Dezember 2004, 09:48
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Juschtschenko gibt sich nach der Entlassung aus dem Rudolfinerhaus und Vergiftungs-Diagnose kämpferisch und freut sich "am Leben zu sein"

Viktor Juschtschenko wirkt erschöpft, als er Sonntagmittag in der Eingangshalle des Privatspitals Rudolfinerhaus lange seine Frau Katerina umarmt und dann vor die Kameras tritt. Doch der 50-Jährige mit dem entstellten Gesicht macht mit kalter Entschlossenheit klar, dass die letzte Etappe seines politischen Kampfes um die Präsidentschaft in der Ukraine soeben in Wien begonnen hat. "Das Regime, das in den vergangenen 14 Jahren an der Macht war, erlebt seine letzten Tage", grollt Juschtschenko, seine Frau an der Seite und zwei seiner Ärzte, Michael Zimpfer, den Präsidenten des Rudolfinerhaus, und Nicolai Korpan, die ihm 24 Stunden zuvor schwarz auf weiß den medizinischen Beweis geliefert hatten: Das Regime des scheidenden ukrainischen Staatschefs Leonid Kutschma wollte Juschtschenko ermorden erlassen.

"Verdacht auf Fremdverschulden", nannte es Michael Zimpfer bei einer Pressekonferenz am Samstag, verzweifelt bemüht, die politische Tragweite seines Urteils vom Befund der Ärzte zu trennen. "Unsere Diagnose lautet Vergiftung. Wir waren nicht dabei, wir überlassen das den legalen Institutionen. Für uns ist klar, dass in enormer Konzentration Dioxin im Körper von Herrn Juschtschenko ist, zugeführt höchstwahrscheinlich über den oralen Weg."

Mindestens das Tausendfache der "normalen" Konzentration von Dioxin in Blut und Gewebe sei nachgewiesen worden, erläutert Zimpfer. Die genaue Menge ist noch nicht ermittelt, bewege sich aber "im unteren Grammbereich". Wegen seiner hohen Fettlöslichkeit wird das Gift schnell vom Körper aufgenommen und lässt sich in eine entsprechende Nahrung mischen - "Das ist sehr leicht in einer Schlagoberssuppe zu verpacken." Juschtschenko sei heute in einem "kräftigen Allgemeinzustand". Ob die Gesichtsnarben verschwinden, wollten die Ärzte nicht sagen.

Wer aber hat Viktor Juschtschenko vergiftet? Der Oppositionsführer beantwortet diese Frage nicht und auch sonst keine andere. Eine Erklärung will er nur abgeben an diesem Sonntag im Rudolfinerhaus, bevor er nach Kiew zurückfliegt, und seine Frau übersetzt: Die Bevölkerung, die nach den gefälschten Wahlen wochenlang auf den Straßen demonstrierte, habe nicht Juschtschenko verteidigt, sondern die Unabhängigkeit des Landes. "Wir haben nichts dergleichen in den letzten 100 Jahren gesehen", sagt Juschtschenko, "ich glaube, man kann das mit dem Ende der Sowjetunion oder dem Fall der Berliner Mauer vergleichen."

Eine gewisse Erleichterung ist Juschtschenko anzumerken, dessen vernarbten Gesichtszüge sonst nur wenig Regungen zulassen. Es ist die Gewissheit des Sieges über seine Widersacher, die ihn in den ersten Wochen nach dem Giftanschlag als geistig Verwirrten darstellen wollten, der Lügen verbreite - aber auch die Gewissheit, den Tod besiegt zu haben. "Ich bin sehr glücklich, in dieser Welt heute am Leben zu sein", sagt er. Dann lädt sich noch unvorhergesehen ein Chor der ukrainisch-österreichischen Gesellschaft in das Spital ein, und Juschtschenko eilt zurück vom Parkplatz, wo sein Wagen wartete. Zwei Dutzend Kinder in ukrainischer Tracht singen für "ihren Präsidenten" die Nationalhymne und ein orthodoxes Kirchenlied, "Mnogaia leta" - "Lang möge er leben". Da stimmt auch Viktor Juschtschenko ein. (Markus Bernath, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 13.12.2004)

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    Viktor Juschtschenko beim Verlassen des Rudolfinerhauses

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