"Irgendwie bin ich auch da"

12. Dezember 2004, 18:47
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Jelinek-Feiern mit Tonband-Grüßen - Am Abend des Nobelpreis-Tages luden das Wiener Burgtheater und das Salzburger Literaturhaus

Wien - "Irgendwie bin ich ja auch da. (....) Mein Schreiben kann überall sein." Mit einer vom Tonband kommenden Grußbotschaft meldete sich Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Freitagabend bei jenen vielen hundert Fans, die im Burgtheater wenige Stunden nach der Preisverleihung in Stockholm "Ein Fest für Elfriede Jelinek" feierten. "Ich wäre auch so gern in Stockholm, aber ich kann mich nicht so schnell und so weit fortbewegen wie meine Sprache." Nach der rund zweistündigen Feier wurde bis zur mitternächtlichen Stunde ihre Nobelpreisrede auf eine Videowand vor dem Burgtheater projiziert. Und auch im Salzburger Literaturhaus feierte man die Autorin.

Himbeer-Soda für die Gäste

Was die Burgtheater-Besucher beim Betreten des Hauses in Bechern in die Hand gedrückt bekamen, war nicht Punsch oder Glühwein, sondern Himbeer-Soda - angeblich Elfriede Jelineks Lieblingsgetränk. Der von Dramaturg Joachim Lux gestaltete Abend war zwar nicht immer prickelnd-spritzig, doch wenigstens auch nicht picksüß. In verschiedenen Kapiteln gegliedert wollte man die Nobelpreisträgerin "in respektvoller Distanz feiern". Dazu hatten fast drei Dutzend Ensemblemitglieder sowie einige Gäste ein Programm gestaltet.

Manchmal schien der Respekt gar zu groß. Es war jedenfalls einiges Erwartbares in den Textbergen, durch die sich Martin Schwab, Libgart Schwarz und KollegInnen kämpften, und mit Schubert-Liedern (berückend: Maria Happel) oder dem abschließenden Finale des gesamten Ensembles mit dem Atzgersdorfer Männergesangsverein war man sich mitunter nicht sicher, ob die Gefeierte noch unter den Lebenden weilte. Doch es gab auch witzige Momente: Johanna Eiworth als schwedische Moderatorin; Olga Neuwirth mit Improvisationen am Theremin und mit kleinen Figuren zum Aufziehen; Auftritte des jungen Damen-Ensembles in roten, hochhackigen Lederstiefeln und in Kreationen von Lisa D.; der sich sympathisch in der eigenen assoziativen Endreim-Schlingen verhaspelnde Dichter Gert Jonke oder der Regisseur Christoph Schlingensief mit einer kleinen Pult-Polemik.

Der Höhepunkt: Männerquartett in damen-Perücken

Den Höhepunkt bildete jedoch ein mit Damenperücken kostümiertes Männerquartett, das aus Text und Klappentext von Jelineks Roman "Lust" eine ergreifende Pop-Ballade drechselte. Dass ausgerechnet der Jelinek-erprobte Regisseur Nicolas Stemann ("Das Werk") dabei zu gekonntem E-Gitarre-Spiel Marcel Reich-Ranickis Auslassungen über die Unspielbarkeit und Unmöglichkeit der Dichterin zum Besten gab, war viel beklatschter und unerreichter Höhepunkt der Burgtheater-Feier.

Bei der Feier im gut besetzten aber nicht überfüllten Salzburger Literaturhaus gab's zuerst Jelineks sprachlich existenzialistisches Hörspiel "Jackie" aus dem Jahr 2003. Dann las Julia Stemberger aus "Die Klavierspielerin" und am Schluss dieser Jelinek-Ehrung in Abwesenheit stand das Filmporträt "Elfriede Jelinek. Bloß kein Theater".

"Ich bin eine jüdisch-slawische, also eine typisch österreichische Mischung", sagt Jelinek in der Filmdokumentation von Jochen Wolf, in der sie versucht, das Wesen ihrer Dramatik zu erklären. So gebe es in ihren Bühnenwerken keine Figuren mit Charakter und Schicksal mehr. Die Schauspieler hätten Themen zu verkörpern, Gedanken oder Stereotypen.

Tatsächlich sei "Die Klavierspielerin", in der es einen linearen Handlungsfaden und eine Entwicklung der Charaktere gibt, ein singuläres Werk im Gesamtwerk Jelineks, so Christa Gürtler vom Literaturhaus. "Dieses Erfolgswerk ist zugleich das einzige, das eine Geschichte erzählt und daher taugt für Lesungen. Ich behaupte, dass die Texte Jelineks trotz sämtlicher bedeutender Literaturpreise und der Übersetzungen in nunmehr 38 Sprachen von sehr wenigen Leuten verstanden werden." (APA)

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    "Ein Fest für Elfriede Jelinek" auch im Wiener Burgtheater. Die Nobelpreisträgerin selbst war nicht dabei.

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